San Francisco, 1.12.2007

Der Wettersprung aus den Minusgraden Montanas macht schummrig und so stromere ich ziellos durch “DIE” Straßen San Franciscos, grob entlang Mission- und Markt Street bis nichts mehr geht: Endstation Ferry Building nahe Bay Bridge. Warum müssen Schiffe überall gleichblöde Namen haben. Heute “Mendocino” und “Mandy”. Die Möwen hier sind die ersten, die in ihrem Brustumfang mit ihren Brightoner Genossen mithalten können. Wie kann man nur in der Bay in San Francisco sitzen und Brighton vermissen? Ich vermisse mein Mädchen. Und im Hintergrund spielt ein Café Bright Eyes.

 

Ich verschwende meine Zeit und möchte nicht mehr damit aufhören. Besonders jetzt, wo Berlin langsam aber sicher wieder an meine Hirntüre pochert. Das Arbeitsamt und die Steuer fordern ihren Tribut. Nicht genug, dass ich mit meinem USA-Aufenthalt die bescheuerte Krankenversicherung selbst bezahlen muss. Wäre es nach mir gegangen, hätte ich für die drei Monate keine gebucht. Aber wann geht es schon mal nach mir in dieser Box namens Staat.

 

Ausgerechnet im Westen geht meine Reise ins Innere. Drei Tage bin ich nun schon durch die Straßen geschlendert, den Mission District zwischen 16th und 30th Street, den gentrifizierten Hippie-District Haight und den Red Light-Bereich am Broadway rund um den Beat Generation-Schmelztiegel City Lights. Das ist der Buchladen am Broadway/Ecke Columbus, der Kerouac, Ginsberg und die restliche Meute der Beats veröffentlicht hat. Im Beat Generation Museum muss ich wieder feststellen, wie sehr ich Kerouac und Cassady immer als Macho-Ärsche in die Ecke gestellt habe. Auch wenn San Francisco vieles beatige in mir wieder auffrischt, empfehle ich neben William S. Burroughs vielmehr Jack Blacks Autobiographie “You can’t win“.

 

Hier am äußersten Zipfel in San Franciscos tanzen Gedanken um meine Zukunft um mich rum, durch mich durch und aus mir raus. Die Zukunft ist vorbei. Ich habe nichts mehr zu sagen, nur noch viel zu erzählen. Redundanz. Mein neues Buch verkauft sich mies und ich denke es ist Zeit, mit dem Schreiben aufzuhören. Was rede ich hier für einen Quatsch… Der Typ gestern hätte aufhören sollen, Bücher zu machen. Als ich meinen Kontostand oder besser Nichtstand gestern online nach längerer Zeit mal wieder sah entschied ich mich gegen Iron & Wine im Paramount Theatre in Oakland und gegen eine Bootsfahrt nach Alcatraz. Und überhaupt: 25 Dollar für etwas, während viele Insassen Jahrzehnte lang mit ihrem Leben bezahlten, um von dort zu fliehen? Fefczak flüchtet, und deshalb ist sein Herz auch mit den Flüchtenden, haha.

 

Stattdessen ging ich zu Bryan Ray Turcottes unsäglicher Buchpräsentation “Punk is dead: Punk is everything“. Nicht nur die Präsentation war unsäglich, sondern auch das Buch ist es, mit seiner lieblos überdesignten Zusammenklatsche von Punk-Flyern von 1982 bis heute. Er behauptet bis heute, aber man merkt schnell, dass es um ihn geht. Nur hat er nichts zu erzählen, schon gar nichts zu sagen über seine ersten 35 Lebensjahre. Und deshalb pappt der Familienvater und Company-Besitzer alte Flyer aus seiner wilden (uhhhhuu!) Jugend zusammen um ein einziges Interview. Flyer, die er teils skateboardend von Wänden und Laternenmästen abknibbelte (“That was fun, haha!”. Mehr aber noch solche, die er anderen Leuten abgeschwatzt hat, ohne sie dann im Buch zu nennen). Wieso hat er Kerl 5 Jahre daran gearbeitet?

 

En Besuch bei meinem Freund Ronald hätte so ein Buch gefüllt, ein weiterer bei meinem Freund Martin hätte es designt – und wir drei hätten den Typen in die achte Liga Albaniens schießen können. Und jetzt sagt nicht: aber ER hatte die Idee, darauf kommt es an. Wer 2007 sein Buch “Punk is dead” nennt und ein “Punk is everything” nachschiebt, um verkaufsfördernd die jungen Leute nicht zu vergraulen… Turcotte ist ein Zeiterbsenzähler, der auf der seine Jugendzeit zu “Punk alive” stilisiert und alles andere danach nicht mehr wahrnimmt. 1982 eingestiegen ist, wo selbst schon über “Punk is dead” geschnarcht wurde, muss jetzt wohl ganz woanders sein. Was nichts Verkehrtes sein muss. Nur kann man seine Flyersammlung im Pseudodesign dann auch seinen Kindern im Wohnzimmer zeigen und es dabei belassen.Aber wieso rege ich mich jetzt über den beturbanten Autor auf? Er ist nicht Schuld daran, dass ich nicht zu Iron & Wine gehe und selbst nur Unsinn verzapfe, und dann auch noch hier im in diesem Eintrag ein ebenso verbrauchtes Anagramm von “No Future” bringe. (Doch wenn Bilderbuch über Punk, dann doch das unfassbar aktuelle “Punk House von Abby Banks, das gerade in den USA erschienen ist und sich mit meinen Erfahrungen um fließendes DIY mit den florierenden House-Shows, dem Brennen und Handeln mit süßbekritzelten CDs und einem kleinen, aber engen Netzwerk in den so großen Staaten wunderbar bebildert).

 

 

Nirgendwo zwischen North Dakota und Montana, 21. und 22.11.2007

North Dakota im Schnee. Der Bus ist liegen geblieben, die letzten sieben Busreisenden und die robuste Busfahrerin stehen in der Kälte und versuchen krampfhaft eine Telefonverbindung zustande zu bekommen. Es ist wie in einer dieser amerikanischen Komödien, die ich längst nicht mehr sehen mag. Der Bus im Nirgendwo, vor der Tür Weihnachten, in meinem Fall Thanksgiving, scheinbar keine Möglichkeit rechtzeitig anzukommen, um das vegane Essen zu loben und zu verdrängen, wie viele Truthähne landesweit nur für heute dran glauben mussten, nur weil Menschen nichts besseres einfällt, wie einem Gott zu danken ist, den es nie gegeben hat.

Wenn es Gott gäbe, wäre er ein Biest aus den kahlgelben Hügeln North Dakotas. Und alle Menschen wären gefangen in einem Greyhound-Bus mit Arschschmerzen auf der 32-stündigen Fahrt, während die von ihnen geschlachteten Tiere im blaustrahlenden Himmel ihre Freiheit suchen.Bevor der Bus repariert ist, streifen wir durch die Landschaft, die sich um den Bus ergießt, als wäre sie nur für diese Situation geschaffen worden. Als gäbe es eine Firma, die immer dann die trostloseste Umgebungskulisse heran schiebt, die niemand sich sonst so erdenken kann.

 

Am Anfang bedeutet Kälte Leben und Wach werden, auf einem längeren Streifzug mit Menschen, die du dir nicht aussuchen konntest, kommt dann irgendwann der Moment, an dem das Ganze zur Erfrierung kippt. Als unsere Zehen, Ohren, Nase nicht mehr vorhanden sind, finden wir drei alte gefrorene Autoreifen, die mit Margarine eingerieben, zu Schlitten werden sollen. Viel Arbeit für eine Fahrt den weißen Hügel runter, die mir immerhin wieder die Philosophie vor Augen führt, das der Trick ist, niemals auf die Bremse zu treten. Irgendwer anders wird das schon tun und dazwischen rast du dann durch und davon.Und dann Montana. Das gleiche Spiel. Vor uns weist der Highway unbestechlich den Weg durch die zwei Farben. Das Gelb der Felder drängt durch die seichte Schneedecke, der Himmel strahlt blau und versucht, die kalten Temperaturen zu belügen. Blau über gelb durch weiß, immer wieder blau über gelb durch weiß. Und wo sind all die Cowboys hin?

Aus den glorreichen Sieben, die noch zwischen Fargo/North Dakota und Billings/Montana Schlitten fuhren, sind nun unbeugsame Vier geworden. Die bisherige Busfahrerin lacht hysterisch aus dem Halbschlaf heraus, wenn sie eine Pointe ihres Wasserfälle redenden Nachfolgers am Steuer vermutet. Seine Weisheiten passen sich dem Nichts an, das sich zeitlos um uns schlingt und uns ganz sicher an den Rand der Welt bringt, von dem wir dann in unserem Greyhound dahin stürzen, wo wir hingehören.

 

Die Ansage des Busfahrers reißt aus allen Gedanken „Billings, in 20 Minuten erreichen wir Billings/Montana. Dort endet diese Linie und viele andere. Wenn sie weiter reisen, hoffen wir, dass ihr Bus in einer Stunde und 25 Minuten für sie bereit steht. Inzwischen erwartet sie in Billings eine vielfältige Auswahl an Restaurants, die leider heute an Thanksgiving alle geschlossen sind. Versuchen sie auch nicht, ein McDonald’s zu finden, da das zu ungesund ist. Nein, ich mache Witze, auch McDonald’s wird ihnen die Türe an Thanksgiving nicht öffnen. Ansonsten ist Billings eine freundliche Stadt mit freundlichen Menschen, wenn sie denn welche finden.“

  

In Billings/Montana wird alles gekauft, was second hand ist. Kaum ist die Tür der zugeschneiten Greyhound-Station einen Spaltbreit offen, schließt sie sich optisch schon wieder mit einer Mauer aus gebrauchten Autoreifen, die auf der Straßenseite gegenüber vor einer Blechbude auf jemanden warten. Drei Schritte raus leistet ein „Gebrauchte Kameras hier“ Schild einem „Gebrauchte Bücher und Zeugs“

-Schild Gesellschaft, während der niederplatschende Schneematsch von den Bäumen in der Mittagssonne noch das lauteste Geräusch bedeutet. Vielleicht ist Billings der Ort, an dem alle Stifte, Feuerzeuge und Haarbänder landen, nachdem wir sie verloren haben.

 

Mein Kaffee spielt Poker mit mir. „For Consumer’s Amusement only“ warnt der Pappbecher mit dem aufgedruckten Pokerblatt, damit bloß niemand bei der Kaffeemaschinenfirma einen Gewinn einklagt. Gegen den Sitzreihennachbarn, der in Glendive/North Dakota zugestiegen ist und nun mit mir im leer gefegten Billings auf einen Bus hofft, gewinne ich leicht. Und billings kann noch so truthahntodlangweilig sein: Ich bin der Pik-Bube, der auf die Herz-Dame auf der komplett anderen Seite des Blattes spekuliert. Die Dame, die hoffentlich in Bozeman/Montana im Schnee auf mich wartet.

 

Chicago, Haymarket & Waldheim Friedhof, 19.11.2007

Nur kurz, weil die Augen nach 11 Stunden Greyhound-Bus und weiteren 11 auf den Spuren der alten Anarchisten mir die Augen schließen: Chicago ist rough, London in schön, besonders beim Spaziergang entlang der Riverside von der ehemaligen Hobohemia, dem Straßenzug, der auf der Madison Street zwischen Jefferson und Des Plaines Street einst den Hobos, Intellektuellen und anderen Verirrten ein temporäres zuhause und denkerische Hauptstadt lieferte. Der Waldheim Cemetary liegt weit außerhalb in Forest Park, letzte Haltestelle der Blue Line.

Und alle finde ich auch gleich: Zuerst das Haymarket Monument (ein weiteres steht am Haymarket selbst, auf der DesPlaines Street oder Avenue…): Am 4. Mai 1886 organisieren Anarchisten, andere Linke und Hobos am Haymarket eine Spontan-Demo, weil am Tag zuvor Arbeiter von Polizisten auf der Straße erschossen wurden. Die Sach am Haymarket verläuft ruhig, selbst der anwesende Bürgermeister geht gelangweilt nach Hause.Das ist im wahrsten Sinne des Wortes der Startschuss für krawallgierige Polizisten, die grundlos die 800 bis 1000, bereits auseinander gehenden Demonstrant/inn/en angreifen. Prompt fliegt eine Bombe in Richtung Polizei, mehrere Polizisten und Demonstrant/inn/en sterben. Bis heute ist der Bombenwerfer nicht identifiziert. Festgenommen wurden aber Demo-Anmelder, plus Anarchistensprecher/innen plus Bücherschreibende, weil sie die Anstifter und damit Mordkomplizen gewesen seien. Hinrichtungen folgen nach unfairem Prozess.Das erkennt selbst der damalige Gouverneur John P. Altgeld etwas später an und begnadigt die noch im Bau Verbliebenen. Doch das Eingeständnis Altgelds, dass es sich wohl um einen einzeltäterischen Racheakt handelt und die Polizei Schuld sei, hilft weder den Toten, noch der Geschichte. Seitdem werden Anarchisten weltweit mit Bomben werfen in Zusammenhang gebracht, die Loslösung der Idee vom vorurteilshaften Image ist unaufhaltbar eingeläutet. Das Ereignis am Haymarket in Chicago hat ebenso “Schuld” daran, dass es den 1. Mai als Arbeiter/inn/en-Tag gibt.Und alle sind sie hier: Emma Goldman und um sie herum der Hobo-König und ihr Liebhaber Dr. Ben L. Reitman (Der das wunderbare Buch um Boxcar Bertha geschrieben hat), Big Bill Haywood (Gründer der Industrial Workers of the World/IWW), die Anarchisten Lucy Parsons, Voltairine de Cleyre, Joseph Dietzgen, Elizabeth Gurley Flynn (das von Joe Hill aus der Todeszelle besungene “Rebel Girl”), etc. etc. – unfassbar, was in den USA Ende des 19. Jahrhunderts und zu Beginn des 20. alles so ging…

 

 

Hiltons/Virginia, Carter Family Fold, 16.11.2007

So langsam wärmt es sich auf, im und um meinen Schlafsack, den ich mit mir auf dem Sofa Backstage im Carter Family Fold inmitten der Appalachian Mountains geparkt habe. Eigentlich wollte ich campen, seit Florida werden Zelt und Schlafsack auf meinen Rücken geschnallt Stadt für Stadt immer einen Deut schwerer.Aber die Menschen hier in Hiltons/Virginia, die den Carter Family Fold betreiben, ließen mir in ihrer endgültig herzerwärmenden Art gar keine andere Wahl, als für eine Nacht das bärtige Phantom des Carter Konzertsaals zu geben. Und jetzt bin ich so froh, hier Backstage zu liegen, nicht nur, weil es sich draußen tatsächlich der erste Frost auf den A. P. Carter Highway legt, sondern auch, der Geist, der mit mir in diesem Raum liegt. Es ist der Geist so großer Countryhelden, von Ralph Stanley, Grandpa Jones bis zu Johnny Cash, die sich genau hier noch einmal kaltes Wasser ins Gesicht schwappten, am Waschbecken, an dem ich vorhin meine krummen Zähne geputzt habe. Die ihr Gesicht noch einmal mit einem letzten Blick in dem Türspiegel mustern, in den ich gerade schaue, bevor sie auf die Bühne schritten, die mit Reliquien der Carter Family ausstaffiert ist.Während mein Blick über ein Gemälde der Original Carter Family fährt, ballt sich noch einmal die gesamte Geschichte dieser Gegend in meinem Hirn. Ganz in der Nähe, in Bristol, das zur Hälfte in Virginia und zur anderen in Tennessee liegt, wurden in den 1920er Jahren die erste Countrymusik-Aufnahmen der Welt gemacht. Es war die Carter Family, Sara, Maybelle und A. P. Carter, die mit Songs wie „Keep on the sunny Side“, „Wildwood Flower” oder „Bury me under the weeping Willow“ mal so eben Klassiker einspielten. Einige Tage später folgte ihnen der spätere Blue Yodeler Amerikas, der singende Zugbremser Jimmie Rogers hierher.Es ist so ruhig. Ich bin allein mit all dieser Geschichte, werde diese Geschichte für eine Nacht und möchte nie wieder aus ihrer Haut heraus. Direkt neben mir steht A. P. Carters kleiner Laden, den er mit seiner Familie bis zu seinem Lebensende betrieb. Dahinter steht die Hütte, in der er geboren und die vom Clinch Mountain hier herunter gebaut wurde. Noch weiter dahinter ist die Vermont Church, hinter der wiederum liegen A. P. und Sara begraben. „Keep on the sunny Side“, steht auf ihrem Grabstein. Und wenn ich an diese Sonne denke, die heute so unnachahmlich die herbstfarbenen Blätter in all ihrer Farbenvielfalt die Appalachian Mountains zum schönsten Ort der Welt malte, wenn ich die alten Gitarren und Autoharps der Carters hier anschaue, an die Jimmie-Rodgers-Lebensgeschichte denke, die das Barter Theater hier heute aufgeführt hat, dann bin ich so grenzenlos dankbar. Und morgen darf ich auf der Carter-Bühne zusammen mit Vernon McIntyre und Appalachian Grass einen Song singen und das Publikum vergraulen. Das Leben belohnt mich für Dinge, die ich gar nicht alle tun kann.

 

 

Zwischen Nashville & Knoxville/Tennessee, 15.11.2007

Um mich herum umhügelte Felder, bis vor kurzem zum Teil gefüllt mit Baumwolle. Der Himmel versucht es zäh, der Sonne einen Weg durch den Regen und Sturm der letzten zwei Tage zu weisen. Und er macht einen guten Job. Sein blau wird voller, die ersten Wolkenränder bilden sich aus der geschlossenen Decke heraus und vergolden sich mit Sonnengelb. Gleich wirkt der Herbst wieder so farbenreich, mit den Blättern der Bäume, die wiederum die Hügel besetzen, wenn nicht gerade mal ein Farmhäuschen sich etwas Platz geschaffen hat. Noch zweieinhalb Stunden bis Knoxville, von wo ich morgen weiter in Richtung Bristol/Virginia trampe, wo die Carter Family und auch der singende Zugbremser Jimmie Rogers mit ihren frühen Aufnahmen in den 1920ern Country-Geschichte schrieben. Wenn ich es finde, kann ich dann in Mace Springs umsonst campen, dem heutigen Hiltons/Virginia, direkt auf dem Gelände der Carter Family.

 

Es ist schwierig, eine Stadt nach zwei oder drei Tagen wieder zu verlassen, wenn man gerade anfängt, Dinge um sich herum anzunehmen. In Nashville waren es vor allem Wes und seine zweite Band Meemaw, die mir so hilfreich meinen Weg durch den Regen Nashvilles bereiteten.

 

Der erste Tag in Nashville war geprägt von alten Show-Kostümen, die hier fast so sehr dazu gehören, wie die Musik. Neben den Themenanzügen, die Marty Robbins passend zu seinen Konzept-Alben von Cowboy & Western bis Hawaii-Style hier gelassen hat, übertrifft der Kleiderschank des düsteren Porter Wagoner alle Rüsch- und Glitzerträume der Ein-Euro-Läden. Wie muss es hier auf der Bühne der Grand Ole Opry im altehrwürdigen Ryman Auditorium gewirkt haben, wenn er wie ein bunter Glimmstengel über die Bühne waldschratete und sein Outfit mit seinen Songs vom Broken Man rund um Knast, Alkoholismus, Obdachlosigkeit und das Erwischen seiner Frau in flagranti mit dem Kollegen konterkarierte, stets um nichts mehr, als elegant um Haltung bemüht. Am Abend konnte ich dann auch die Grand Ole Opry live erleben, mit ca. 1000 anderen Menschen, größtenteils jenseits der sechzig. Die Opry im Ryman Auditorium, wo sie sich traditionell im Winter von ihrer moderneren Event-Behausung, dem Gaylord Opryland nordöstlich von Downtown erholt, weiß heutzutage nicht, was sie sein soll. Zu groß ist der Druck der Countryrockpop-Schmonzettflachmaten, die im Fahrwasser der in den USA schwervermeidbaren Garth Brooks und Terri Clark ganze CD-Wälder mit ihrer Musik entlauben.

 

So begann der zweistündige Abend auch: Hank Williams und selbst der Opry-Liebling Roy Acuff würden sich im Grabe um die Wette drehen, wenn sie erführen, welche Genrefledderei sich am 13.11.2007 im Ryman abspielte. Und sie erfuhren es sicher, denn die Intensität der Verblödung strahlte weit genug weg von der Bühne, hin zu den Honky-Tonkstätten am Lower Broadway, am Batman-Tower vorbei und heraus aus Downtown Nashville auf die Highways raus aus Tennesse. Erstaunlich nur, dass die emotionale Schockwelle keine Massenunfälle verursachte. Kein Spirit, kein Feuer, nur mieseste Altersheimvergewaltigung. Mit den über Sechzigjährigen konnte man es ja machen. Sie schienen genug entfremdet von dem, das sie nach ihrem bisherigen langen Leben verdient hätten. In Ermangelung an Fluchtwegen klatschten Omas und Opas brav mit, wenn der Ansager ihnen durch ihnen per Handzeichen vermittelte, dass sie den soeben begonnenen Song gefälligst erkennen sollten.

 

Alles wirkte gestellt und gestelzt, obwohl der Laden den Arsch voll dampfender Geschichte hat, die trotz ihres Konservativismus in jeder Pore mehr Sinn und Verve für einen Ausweg zeigte, als dieses Genöle. Das hatte mit Country nichts zu tun, war umgekehrter Exorzismus, stieß die Tür so weit wie die Felder Tennessess auf zu belanglosem Schwachsinn (Ja, es gibt auch Schwachsinn von Belang). Hörte und sah man die Künstler, deren Namen ich dank meines gut trainierten Katastrophenausschlussverfahren im Hirn schon wieder vergessen habe, wurde einem für einen ewig scheinenden Moment zumindest symbolisch verständlich, warum es in den USA noch immer die Todesstrafe gibt. In ihrer Ausweglosigkeit bleibt nichts anderes übrig, als auf die Todesstrafe für derartige Veranstaltungen zu hoffen, damit man als junger US-Bürger nicht selbst irgendwann in diese Hölle auf Erden abgeschoben wird.

 

Lediglich die Del McCoury Band deutete mit ihrem Bluegrass an, was ginge. Zwar handelte es sich um Bluegrass mit angezogener Hanbremse, aber in der Not frisst der Teufel Rosinensalat. Die Del McCourys gehören bezeichnender Weise zum älteren Semester. So wie die Riders in the Sky, deren Name zwar mit den Untiefen des restlichen Unbrauchbaren mithalten kann.

 

Während ich das Ryman-Desaster Wes ins Ohr legte, riet ich ihm, rechtzeitig die Tapes mit seinen Lieblingsbands zuzüglich einer persönlichen Verfügung in dem Altersheim abzugeben, das ihn einst beherbergen wird. Die letzten Jahre sollten wohl geplant werden, mit einer musikalischen Lebensversicherung.

Teil 2 folgt demnächst… 

 

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Nashville, 12.11.2007

Auf dem Weg nach Nashville/Tennessee gibt es einen Zwischenstopp im verschlafenen Jackson. Und wenn es DAS Jackson ist, das Johnny Cash besingt, dann weiß ich nicht, was er da losmachen will, wenn er singt: I’m going to Jackson… and I will mess around. Aber vielleicht meint er ja Jackson, Mississippi?.

Angekommen in Nashville holt mich Wes von Cowboy Dynamite an der Greyhound-Station ab. Zum ersten Mal in meinem Leben esse ich im Taco Bell, der mexiko-like Fast-Food-Kette. Und Wes weist auf eine Gebäude nebenan: Hier, direkt im Krankenhaus neben dem Taco Bell wurde er geboren, hier starb auch Johnny Cash, wie romantisch. (Wieso wird man eigentlch in einem “KRANKENhaus” geboren? Viva Austria, wenn die in diesem Fall Hospital sagen.)

 

 

Memphis, Sun Studios & Graceland, 10. & 11.11.2007

Bin so dankbar, diese Reise zu machen, die ich ohne meine Motivationswunder namens Elsa nie angetreten wäre. Heute habe ich in den <strong>Sun Studios</strong> durch das Mikro gesungen, mit dem Johnny Cash seine ersten Aufnahmen gemacht hat. Danach bin ich aus Graceland  rausgeflogen, weil ich mich entgegen der strengen Sicherheitsauflagen auf Elvis’ Bett in seinem Privatjet geworfen habe. Wollte eh gerade gehen.

Vor mir liegen zwei Tage mit Mississippi River und dazu gehörigem Museum, evtl. das Baumwollmuseum und das Lorraine Motel, auf dessen Balkon einst Dr. Martin Luther King, Jr erschossen wurde (und das heute das Museum of Civil Rights ist). Klar, Beale Street, Home of Blues mit all seinen Cafés. Vor Sam Phillips und seinen Sun Studios verschrien, heute Touristenattraktion.

Ansonsten hat Memphis mich gefressen. Mit Abstand die US-Stadt mit dem miesesten Bussystem, und das angeblich nicht nur, weil es ein Wochenende ist. Am ersten Tag kostet es mich zwei Stunden, um vom Hostel, das in einem Kirchenanbau untergebracht ist, zu den Sun Studios zu wandern. Hey, das Wetter ist grandios, ich bekomme einen ‘Grip’ zur Stadt und streune unverhofft am Shangri-La-Plattenlabel vorbei. Insgesamt aber habe ich hier die Spendierhosen an. Massig Taxi- und Essenskosten, weil das Warten auf den Bus zweimal nicht erfolgreich ist. Kein Bus trotz Homepage-Ankündigung.

Einmal an den verlassenen Fairgrounds, dem ehemaligen Vergnügungszentrum. An der dortigen Bushaltestelle bin ich der einzige Fußgänger in einer Stunde Wartezeit, die Autofahrenden mustern mich im Gegensatz zu anderen US-Städten missachtend, nicht bemitleidenswert. Auch ein Schild: “Killed by public transport: German student needs a ride downtown” hilft da icht weiter.

Stattdessen muss ich ein Taxi heran winken. ebenfalls das erste in dieser Stunde. Hurra? Nö, der Taxifahrer glaubt mir nicht, das ich aus Deutschland bin, checkt erstmal mit ein Paar Anti-Schwulenwitzen ab, wie ich drauf bin und entpuppt sich nach fünf Minuten als Ku-Klux-Klan-Aktivist. Ale Juden seien Arrogant und dürften sich alles erlauben, von der Vergewaltigung bios hin zum Steuerhinterziehen. Eine “Zigeuner-Freundin” hätte er mal gehabt, aber denen dürfe man ja nicht trauen.

Ach, die größte ethnische Minderheit in Deutschland ist türkisch? Ja, so eine “Pussy” hätte er auch mal gehabt, Bauchtänzerin und bildhübsch, abr eifersüchtig ohne Ende, taugte zu nichts. – Und der Rassistendreck geht so weiter. Habe noch nie so viel Klartext auf einem Haufen in nur zehn Minuten face to face erlebt. Am Ende will er mir nur den halben Preis abknöpfen, weil “ihr Deutschen das mit den Jden doch ganz gut hinbekommen habt. Hitler hätte nur zwischendurch eine Pause machen und uns Amis raushalten sollen. They’re bad ass fighters, man!” Oh, Herr, mein Kopf für heute ist gründlich gewaschen.

Dem nicht genug ist das Mississippi River Museum bis April geschlossen und niemand kann rüber nach Mud Island. Memphis meint es nicht gut mit mir.

Um mich zu rächen, trampe ich mich in den ultraleeren Fleischpalast “Dyer’s” in der Beale Streetwo der Blues zuhause ist. Im mit Stolz seine Aas-Zubereitungshistorie auf Flyern präsentierenden “Dyer’s” bestelle ich nicht als doppelt Pommes. Das ist diesmal nicht traurig für mich. Denn die Miene des “Dyer’s”-Typen bezahlt mir den Tag zurück. Die Missachtung in seinem Gesicht gibt mir einen Tropfen Genugtuung, den ich mit einem Bechr Bier vermenge, um den Tag runter zu spülen. Immerhin hat er meine Bestellung icht abgelehnt. Ist schon öfter vorgekommen.

 

 

New Orleans/Louisiana & Austin/Texas, 7.11.2007

Gerade in Texas angekommen, leider ist mein Kontakt, der Comiczeichner <strong>Ben Snakepit</strong> gerade selbst obdachlos und ich musste ins Hostel.<br>

New Orleans ist die bisher aufregendste Stadt, die ich in den USA bislang sehen konnte. Mehr dazu bald. Wenn ich doch nur einige Tage mehr in manchen Städten hätte. Habe bereits St. Louis und Portland/Oregon aus meinem Reiseplan gestrichen. Es geht halt nicht alles.<ul>

Kurz notiert:

New Orleans: Kampf mit der Angst vor einer Stadt, die mir viele vorher ängstlich gemacht haben. War das es, was die Stadt so surreal aufregend machte oder ist sie nach dem Hurricane  vor zwei Jahren so?

Nicht so spannend fing die mit Spannung erwartete Anreise an. Mein Hobo-Freund Greg O’Brian nimmt mich in einen ehemaligen Dschungel nahe Lafayette mit, ein Platz wo Hobos auf einen Frachtzug warten. Stundenlanges Warten endet damit, dass wir gelangweilt im Dunkeln an den Gleisen entlang zum nächsten guten Spot kommen. Greg kennt sich aus, aber was sol ler tun, wenn kein Zug kommt. er spekuliert auf ein klassisches Boxcar, einen halbhohen, oben offenen Wagon. Zuerst eine Leiter greifen, dann mit dem Zug rennen, dann aufspringen, hochklettern und hinein.

 

Es kommt viel besser: Nach ca. 5 Stunden kommt ein nahezu komplett leerer Frachtzug, der wohl nach New Orleans fährt, um etwas abzuholen. Viele Türen der hohen Güterwagons sind offen. Greg gibt mir noch einmal die Instruktionen, die er mir beim Beausoleil-Konzert in Lafayette bereits dauernd ins Ohr schrie, nimmt meinen Rucksack, weil er meint, dass ich es mit dem schweren Sack nicht packen würde. Nicht ohne wieder zu maulen, dass er Reisende nciht versteht, die soviel mitnehmen.

Dann springt er mit meinem Gepäck in einen offenen Wagon. Ich soll in den nächsten, obwohl der Zug langsam fährt und ich locker gleich mit in sein “Abteil” hüpfen könnte. Greg will auf Nummer sicher gehen und auch ich will den Zug nicht verpassen, weil Greg sonst mit meinem Zeugs auf Nimmerwiedersehen im Sonnenaufgang nach New Orleans verschwinden würde. 

Also klammere ich mich an den nächsten Wagen, nicht ohne einmal abzurutschen, weil die Türe sich beim greifen irgendwas am Zug bewegt. Wie können in eine Sekunde oder weniger soviel an Gedanken passen? Mein Gedankenblitz straft mich mit abgeschnittenen Gliedmaßen, irgendwo vergessen zwischen den Gleisen von Lafayette und Opelousas, kläglich verendet und von allmöglichem Kreuch und Gefleuch langsam und genüsslich verzehrt.

 

Der zweite Anlauf klappt, ich sitze im Wagon, winke Greg zu und merke, dass es stimmt: So oft werden Projektionen enttäuscht, aber hier fühlt es sich frei an. Bis die Bahnpolizei kommt und uns bei Wasser und Brot im für drei Tage vergisst oder  sonst was Krudes mit uns treibt. Mehr Später…

 

Austin: Live Music-Welthauptstadt nennt sie sich, zurecht. Nach 20 Uhr vermischt sich auf der 6th Street und z. B. der Red River Street jedwege Musik zu einem einladenden Salat. Ich sehe eine skurrile Pop-Performance mit Plüschwolfshüten von Pataphysics im Club DeVille auf der Red River Street, wo der Sänger um Rauswurf bittet und ihn letztendlich auch bekommt, weil er nicht nur die Zuschauer und das live übertragende Radio beleidigt, sondern auch den Auftritt der miesen nachfolgenden Band stört und den Rauswerfer in die Mikros auf der Bühne schubst. Alle klatsche, als er im Schwitzkasten raus gezerrt wird, ich nicht. endlich mal was los im Pop, Pataphysics könnte das neue ding werden, dass dann in zwei Jahren in so Gähn-Zietschriften wie Spex aufs Cover kommt. Wenn der Sänger es sich bis dahin nicht mit allen so verscherzt, dass ihn niemand mehr auftreten lässt.

 

 

Lafayette & Baton Rouge/Lousiana, 4.11.2007

Es wird schwer, meinen Blog-Rhythmus zu halten. Zuviel passiert und zuviel wird gereist. Es fehlt das grandiose Blackpot-Cajun-Festival im Acadian Village von Lafayette/Lousiana, denn ich muss ins Bett. Vor dem Festival war ich mit Ghost Mice noch in Baton Rouge/Louisiana, wo sie in einem chaotischen Punkhouse spielten. Als ich Chris frage, ob es ein besetztes Haus und wie die Poitik des Hauses ist, antwortet er gewohnt kurz angebunden und keine Fragen zulassend: Das sind nur verantwortungslose Kids, von denen einer ein Haus hat und die richten es freudevoll zu Grunde. Alles ohne Gremium oder wie du das so kennst.”

Am Tag darauf geht es nach Houston, es ist die Halloween-Nacht. Im White Swan sind einige Leute mit deutschen Vorfahren und einer, der mal in Deutschland gelebt hat. Das bedeutet Freibier in Massen. Alle widmen mir das ganze Konzert, weil ich die Crew morgen verlasse. Es ist traurig und schön. Aber ab morgen muss ich allein los. Würde so gern bei den anderen bleiben, weil ich sie so gute Freunde geworden sind und mit Chris die anvisierte Blutsbrüderschaft in der Wüste von Arizona zelebrieren. Aber bevor es peinlich wird, muss man dann wohl gehen.

In Houston bin ich am nächsten Tag nicht ganz allein, der Kirke, der Drummer von Rosa wird meine Nanny, der nicht mehr existierenden Band, die mir mit ihrer frischfrech eingespielten Country-CD “I Mississippi You” mal ein ganzes Jahr retteten (und nun als Punkin Pie ohne Kirke weiter machen, allerdings countrylos punkig).

 

 

Houston/Texas, 31.10.2007

Vielmehr ist es die Fahrt nach Houston, wie konzentriert alle auf den Asphalt und darüber hinweg schauen und dabei so entspannt wirken. Wir überqueren noch einmal den mighty Mississippi und kleine Tümpel drücken sich durch die Gräser, lassen Sümpfe erahnen. Der Highway wird zu einer nicht endenen Brücke, die Brücke wird zum Highway, auf Stelzen gebaut durch schier endlosen Sumpf. Und plötzlich ist es um uns und scheint uns verschlingen zu wollen, das unsagbar beeindruckende Atchafalaya Basin, 1900 Quadratkilometer Sumpf, bis zum Anschlag gefüllt mit Krokodilen und Catfish. der so heißt, weil er  katzenartige Barthaare hat. Wir sind in Cajun Country, nahe bei Lafayette/Louisiana, in Richtung Lake Charles.

Der Ausblick ist mehr als ein Vorgeschmack auf das Cajun-Festival, dass ich in ein Paar Tagen in Lafayette sehen werde. Es hält mich nicht mehr auf meiner selbst gebauten Liege direkt auf dem heiß laufenden linken Hinterrad des Schulbusses. Die Engländer von Dauntless Elite und Offshore Radio quatsche ich zu mit einem Crashkurs über die Geschichte der Cajuns, wie sie einst aus Nova Scotia in Kanada als franzosentreue Siedler vor den Engländern in einem irren Marsch nach Louisiana flüchteten. Wie sie dort ankamen, und das französische Louisiana treppenwitzig in spanische Hände viel, sie aber trotzdem im Schutz der Sümpfe, in ihrem Acadiana ihre eigene Suppe (bzw. Gumbo) kochen wollten (und u. a. den Tabasco erfanden). Nicht ganz so eigen, denn die Kultursuppe bekam viele Zutaten von den so genannten Kreolen und auch von deutschen Einwanderern. All dies wird besonders sichtbar in der Cajun-Musik, die mit „den Deutschen“ eben das Akkordeon als Leitmotiv aufnahm. Mehr dazu sicher, wenn ich übers blackpot-Festival schreibe. Ansonsten gibt es das Beste zum Thema in von Franz Dobler mit herausgegebenem Buch „Down in Louisiana“.

 

Für den Sonnenuntergang schleiche ich mich fast schon traditionell von meinem Liegeplatz ganz hinten im Schulbus nach vorn in den Fahrertrakt zu Chris, der uns unermüdlch sicher von Lousiana nach Texas schleust. Wortlos fahren wir in die sinkende Sonne. Ich denke bereits daran, wie hart es wird, die Bande morgen zu verlassen, woran Chris denkt, weiß niemand.

Halloween, jau, das ist doch heute. Angekommen im White Swan in Houston ist davon nicht viel zu merken. Nur eine ältere Barfrau trägt ein Hexenkostüm herum und hat einen Narren an mir gefressen. Sie macht mich im Klub als Deutschen bekannt und prompt entpuppen sich zahlreiche Besucher als „Deutsche“, die mir Drinks spendieren. Und alle lieben und kennen sie Nürnberg angeblich wie ihre Westentasche. Ich spiele das Spiel mit und bekomme noch mehr Bier dafür. Und die Hexenbardame  will für meine weiteren Reisepläne jeden Abend beten, God bless me. „Denkst du oft an Gott, wenn du reist?“ – Wie soll ich so eine Frage beantworten? Die Frage „So, und wann/wo hast du hast getroffen?“ habe ich die wenigen Male, die sie mir gestellt wurde bislang ausweichend mit „Ich habe ihn noch nicht gefunden, deshalb bin ich hier“

 beantwortet.

 

Im White Swan lassen mich die anderen Busgefährt/inn/en spüren, dass ich morgen gehe. Sie wollen nicht für mich beten, widmen mir dafür aber den ganzen den Abend. Ihr ruhender Pol sei ich gewesen, das könnte man auch als nutzloser Ballast deuten. Ich bin gerührt. Ghost Mice spielen ihr wohl bestes Set bei dieser Tour, und wenn Hannah mir kurz in die Augen schaut und Chris seine Ohren spitzt, wenn ich meine tiefe Stimme zu manchen Songteilen im Hintergrund anstimme, dann weiß ich, dass ich zwei gute Freunde gewonnen habe. Als dann am Schluss auch noch Paul dazu kommt, um die Zugaben mit seinen Songs zu bestreiten, will ich endgültig bleiben, mit ihnen in die Wüste, wo immer sie hin wollen. Wie sehr werde ich es vermissen, mit Chris in den Sonnenuntergang zu fahren. Die Atmosphäre, die man mit dieser Bande in er letzten Zeit schaffen konnte, die ich von nun an wieder allein für mich selbst schaffen muss.

 

 

 

Pensacola/Florida, in der Nacht zum 30.10.2007

Der Plan-it-X-Bus rattert vor sich her und mit uns davon. Was eben noch Haus war, rollt nun mit uns von Gainesville nach Pensacola, Nordwestflorida. Es ist illegal, privat einen Schulbus zu fahren. Deshalb hat Chris ihn blau angemalt und die meisten Sitze raus gerissen. Also behaupteten wir stur und steif gegenüber den Polizisten an der Raststätte, dass es kein Schulbus ist. Und als die Polizisten checkten, hier reisen Leute aus den USA, England, Irland und Deutschland in musikalischer Mission, ließen sie den Wanderer in sich walten und uns ziehen.</ul>

Die Maschine läuft wie geschmiert, es läuft Morrissey und dann Mountain Goats. Die tausend Feuerameisen, die in den Fensterritzen leben, werden bei anhaltendem Fahrtwind nach und nach weniger. <strong>Paul Baribeau</strong> ist der erste, der bei stärkerem Bremsen durch die Windschutzscheibe geht. Er sitzt vorn bei <strong>Captain Chaos</strong>, der den Bus fährt, und zieht auf Kommando an einer Strippe, die am Gaspedal befestigt ist. Die Motorhaube ist direkt unter ihm, neben dem Fahrersitz. Und bei Tallahassee kann ich die Milchstraße erkennen, wenn das mal nicht das ist, was als ‘sternenklare Nacht’ in der Phrasenkiste lauert.<br>

Vorbei an Okaloosa zieht einer der Anwesenden seine Wunschkarte und bittet um Toilettenstopp bei Niceville. Zeit für die anderen, sich <em>Boiled Peanuts</em> zu besorgen, eine floridatypische Eigenart, die von nun an für immer zu meinem Speiseplan gehören soll. Wusste nicht, wie nah Erdnüsse an Bohnen kommen, wenn sie in der Schale gekocht werden, von sanftscharfem Cajun-Geschmack durchsetzt.<br>

Paul vibriert innerlich und überall, sein Hinterteil ist angebraten, als ich mit ihm in der gigantischen Raststätte an den Souvenir-Regalen mit den echten Krokodil-Mäulern vorbei schlendere. Den nächsten Ritt auf dem Schulbusmotor muss wohl jemand anderes übernehmen.<ul>

Die Tour von <strong>Ghost Mice</strong> (aus Gainesville/Florida und Bloomington/Indiana), <strong>Off-Shore Radio</strong> und <strong>The Dauntless Elite</strong> (beide aus Leeds/UK) ist gestartet und wir sind verdammt spät dran. Der Bus schnurrt brav, aber kraftvoll. Allein das macht ihn nicht schneller. Montag Abend, es wird wohl halb Eins in der Nacht sein, wenn Off-Shore Radio in Pensacola eröffnen.<br>

Über Pensacola und <strong>Baton Rouge/Lousiana</strong> werde ich die Bande noch bis nach Houston/Texas begleiten, bevor ich allein zum <strong>Blackpot-Cajun-Festival</strong> am 2. und 3. November im <strong>Acadian Village</strong> bei <strong>Lafayette/Louisiana</strong> trampen werde.<br> Der eine in mir würde gern meine Pläne ändern, und noch ein wenig länger im Schulbus bleiben, der Mischpoke um Chris und Hannah von <strong>Ghost Mice</strong> in den Grand Canyon und bis nach Phoenix und El Paso folgen. Oder gar in ein bermuda-artiges Highway-Dreieck zeitlöchern, um für immer mit den Leuten im Bus fahren zu können.<br> Der andere in mir will unbedingt zum <strong>Blackpot-Festival</strong> in Acadian Village und die großartigen <strong>Pine Leaf Boys</strong> sehen, den Akkordeon- und den <strong>Gumbo-Koch-Wettbewerb</strong>. Für 10 Dollar und frei zelten. Dann weiter nach <strong>New Orleans</strong>.</ul>

Angekommen im <strong>Sluggo’s</strong>, einem alternativen Treffpunkt mit etlichen Räumen und einem hervorragenden vegetarischen Restaurants, in dem die veganen Burritos mit Frank’s RedHot-Sauce  nachs um halb vier noch die letzten Geistermäuse wach hält, müssen wir nicht direkt aufbauen. Denn <strong>Slingshot Dakota</strong> aus Broklyn wollen gerade ihr Set beginnen und lassen uns klar und deutlich spüren, das wir nicht mehr in einem Bus vor uns her chillen und den Blick auf Floridas Baumlandschaften gleiten lassen, die behangen vom <strong>Spanish Moss</strong> so verkantet verschwommen und grün gehäkelt schön wirken. <strong>Slingshot Dakota</strong> operieren nur mit Carly Commando am Keyboard und Tom Patterson am Schlagzeug. Ganz schnell das „nur“

    aus dem letzten Satz vergessen, den Carlys Stimme schafft es, die schon intensive Instrumentierung so einDRUCKsvoll zu durchdringen, das sich Stereo Totals Ironie-Elektro überflüssig wird.<ul>

Die Uhrzeit bewirkt leider, dass sich das <strong>Sluggo’s</strong> leert und über <strong>Off-Shore Radio</strong> und <strong>The Dauntless Elite</strong> bis zum Abschluss des Abends mit <strong>Ghost Mice</strong> nur noch wenige Verirrte übrig bleiben. Drei davon, Jungpunker mit aufgeknöpftem Holzfällerhemd, nix drunter und Gitarren auf den Rücken geben dem Abend dann den Rest. Während des schon traditionell akkustischen und mikrofonlosen Sets von Ghost Mice umarmen sie die beiden Musiker ständig und wenn nicht, dann singen sie falsch. Chris verspielt sich zweimal, alle verstehen und grinsen sich ins Hemd ob der drogenverstrahlt-betrunkenen drei Punks, die einen guten Abend haben, von dem sie morgen wohl nichts mehr wissen werden. Hannah und Chris sind so geduldig und herzlich, als wäre nichts, während ihr Set den Bach runter geht. Als Chris einem der Punks dann eine CD verkauft, die ihm dann gleich wieder aus der Tasche fällt und auf dem staubigen und verklebten Boden liegen bleibt, gähnt Chris mir immer noch geduldig entgegen: „Auch solche Gigs müssen gespielt werden.“

  

Und danach geht es endlich zum heiß erwarteten veganen Burrito, den ich ja bereits erwähnte.<ul>

<strong>Tipp:</strong> Frühstück und Lunch im <strong>End of the Line-Café</strong> in Pensacola, all vegan, Kaffee-Auffüllungen und Soya-Milch gratis. Die liebevoll überforderten Frauen und Männer bringen spätestens nach dem zweiten Nachfragen alle Köstlichkeiten in die rote Couchlounge direkt am Fenster. Davor kann man ja mal auf das schönste Frauenklo Floridas gehen, weil das für Kerle kaputt ist. Alles zum Klauen schön gestaltet von <strong>www.headlessdesigns.com</strong>.</ul>

 

 

Gainesville, FEST 6, 26. – 28.10.2007, Teil I

Wie Ameisen schlingern sich Punks und andere DIY-Bewanderte bestimmt, aber nicht hastig durch die ansonsten überschaubaren Straßen von Gainesville. Freitag Abend, das sechste FEST hat endlich begonnen.<br>

Die Rezeption im Holiday Inn hat nicht viel von Do-it-Yourself, aber 3300 Besucher inklusive mehr als 200 Bands machen das wohl erforderlich. Dennoch wirken die Stände des Buchladen-Kollektivs Boxcar Bertha aus Bloomington/Indiana oder der Stand des hiesigen Wayward Councils in der steril gelüftetem Parkhausatmosphäre etwas verloren. Ihre Anziehung verlieren sie jedoch nicht. Dem mit  DIY-Büchern und Freundlichkeit bestückten Steven von Boxcar Bertha ist eine Verabredung für Mitte November in Bloomigton nicht abzuschlagen, um einen baldigen Vertrieb der Boxcar-Bücher in Europa auszubaldowern.</ul>

Gleich im ersten von fünf Freitags-Venues ist Pech Trumpf: Elsa und ich schaffen es nicht, ins 1982 zu kommen, einer etwas größeren Bar mit Bühne, um The Measure zu sehen. Weg vom Eingang entdecken wir in der verglasten Straßenseite eine weitere Tür, kriegen sie irgendwie auf, drängeln uns hinein und stehen plötzlich mitten auf der Bühne, mit The Measure. So genau wollten wir es dann doch nicht wissen. Es bleibt nichts anderes übrig als ein Stage Diving wider Willen, dass uns ein zuvor scheinbar nicht vorhandenen Plätzchen im überfüllten 1982 verschafft.<ul>

Es folgt ein entspannender Spaziergang zur Side Bar down University Street, vorbei am DIY-Kollektiv Wayward Council, der in einem Komplex von Holz-Stein-Häusern liegt, der trotz seiner warmbunten Fassaden noch immer an eine Wildwestszene erinnert. Du musst nicht einmal die Augen schließen, um die Halterungen für Pferde, ihre Wassertröge und den Staub auf der Straße mit dem sporadischen Heuballen herbei sehen zu können.</ul>

Heute ist hier Punk. In The Side Bar schlagen The Future Virgins, Bitchin’ und Chinese Telephones ihre mitspielenden Bands locker. The Future Virgins scheinen den Funken Gutes aus dem College Rock heraus destilliert zu haben und ihn mit Post-Hardcore zu einem Gebräu gekreuzt. Überzeugend unpoppig und dennoch einschlägig genug. Die zwei Frauen von Bitchin’ rotzen dem weißen Männerpublikum  gekonnt ins Gesicht, kopieren dabei leider zu sehr die männlichen Vorbilder ohne eine eigene Identität zu finden.<ul>

Der große Moment des Abends macht sich jedoch schräg vor der Side Bar, unter den Metallverstrebungen einer dieser typischen amerikanischen Hausfeuerleitern auf die Socken. Dorthin haben es die <strong>Peach-Coloured Jug Smugglers </strong>geschafft, indem sie in Kalifornien angefangen sind, auf Frachtzüge zu springen. Hier findet der wahre Punkrock statt, weil er im DIY zu einer Lebensattitüde wird. Ein Typ am Banjo, eine Frau am mutierten Waschbrett, ein Violinist, eine Akkustikgitarre und als Drums ein leicht unrhytmisch umherhopsender Löffelset-Spieler. Keineswegs ein offizieller FEST-Act, aber der beste des Abends. Hab ihre selbst gebrannte CD leider noch nicht hören können, weil ich alle Erwerbungen der letzten Tage meiner Liebsten auf ihren einsamen und nun zusätzlich beschwerten Rückweg nach Philadelphia mitgegeben habe.</ul>

Es ist interessant, wie leicht Non-FEST-Gigs das Ambiente knacken können. Gleiches pasierte auch einen Tag vor dem FEST. Im Wayward Council spielten <strong>Los Gatos Negros</strong>. Ungefähr sieben als schwarze Katzen verkleidete Wesen dekonstruierten Hardcore und gleich die ganze Szene. Kein Wunder, hinter ihren Masken verbergen sich ungenannte DIY-Musiker, die in den USA nicht unbekannt sind. Großartig, wie sie einfach drauflos spielen und aus der Hüfte mitten und ins Herz des gefüllten Councils schießen. Proben? Schätzungsweise einmal kurz vor dem <strong>FEST</strong>. Die drei singenden Katzen rennen, springen, klettern, kriechen und rollen sich singschreiend durch den Laden und schaffen einen Hardcore zwischen <strong>Sophie Nun Squad</strong> und die dagegen viel zu platten <strong>The Locust</strong>, der einen guten Weg in diese erste falsche Hälfte des 21. Jahrhunderts weist. Klar, es sind alte Tugenden, aber hier hat sich jemand Gedanken gemacht. <strong>Los Gatos Negros</strong> waren im Hinblick auf den Stand von DIY der beste Gigs des FESTs. Und das schon vor dem FEST und ohne Teil davon zu sein.<ul>

Das war Donnerstag, die <strong>Peach-Coloured Jug Smugglers</strong> sind Freitag Abend, vor der Side Bar, auf unserem Weg ins 1982, wo wir schließlich den Tag einwandfrei mit Bomb the Music Industry beschließen. Die schaffen es dann, das ich mich so fühle, wie bei meinen ersten Punk-Konzertbesuchen, als ich zwischen 14 und 18 war. Die Welt roch plötzlich nach Freiheit, fühlte sich komplett neu an und alles ging. Den ganzen Abend flog ich durch die Gegend und hob stinkende Jungmenschen durch den Saal. Sie sagte nichts, ber ich weiß, dass meine Freundin mir als Anthropologin gerade innerlich einige Leviten las. Und wieso erinnert mich Bomb the Music Industry an meine Jugend? Sicher nicht, weil sie old school Punk spielen, denn das tun sie keineswegs. Und meiner Jugend heule ich auch nicht hinterher, mit Schule, Pickeln und keiner Freundin. Einfach eines dieser Retro-Gefühle also?</ul>

Am Samstag ist es 14 Uhr und unser Tag kann bereits vor dem Abend gelobt werden. Bevor meine Liebste und ich uns für den Rest des hellen Tages in die 2nd Street Bakery aufmachten, gab es <strong>The Max Levine Ensemble</strong> mit meinem neuen Freund und Zimmergenossen <strong>Spoonboy</strong> an der Leadgitarre und Gesang im 1982 auf der University Street. Spoonboy und hinterfragt seine Punkgesten gleich wieder durch seine Mimik und andere kleine Hinweise, um sie in Nichts aufzulösen. Allein seine hagere Gestalt mit kaum Rückgrat im blau-weiß gestreift durchlöcherten Seemanns-Shirt kontrastiert die Musik und sichert den Abstand, der nötig ist, um intelligent DIY zu machen und trotzdem niemanden „Das ist doch viel zu verkopfter Intellektuellenkram“

 rufen zu lassen.

Spoonboy ist in der DIY-Szene der USA als Fanzine-Schreiber, Shoplifter, Tramp und Spontanmanifestschreiber bekannt und wie viele hier fest in Alltagskämpfe eingebunden. Hoffentlich gibt es bald die Gelegenheit, The Max Levine Ensemble von <strong>PLAN-IT-X</strong> in Europa zu sehen.<ul>

Der für US-Verhältnisse lange Marsch in die <strong>2nd Street Bakery</strong> raus zur 16ten Avenue, hält nicht nur die Bakery als einzigen Freiluft-Konzert-Ort angenehm leer, bis zum späten Abend sehen wir niemanden unserer Freunde und Hausgenossen. Denn hier auf dem Parkplatz der Bakery, zu venanem Cupcake und Torte spielen nach einem Regenguß countryfizierte Bands. Nach  The Max Levine Ensemble zuvor im 1982 und Saw Wheel sowie vor allem <strong>Austin Lucas and The Pressmen</strong> in der Bakery kann unser Tag bereits vor dem Abend gelobt werden.<br>

Austin Lucas sind eine Alternative Country-Combo, in der Punk-Musiker aus Edinburgh, Hamburg, Prag und den USA zeigen, dass sie auch Banjo, Lapsteel, Akustikgitarre und den stehenden Bass klangvoll zusammen bringen können. Sie haben gerade 14 Stunden Fahrt hinter sich, ohne Schlaf direkt auf die Bühne, und fragen trotzdem noch nach zusätzlichen Haus-Shows, die sie neben ihrem offiziellen Gig und den zwei schon verabredeten Haus-Shows noch spielen könnten.<ul>

Sie haben gerade 14 Stunden Fahrt hinter sich, ohne Schlaf direkt auf die Bühne, und fragen trotzdem noch nach zusätzlichen Haus-Shows, die sie neben ihrem offiziellen Gig und den zwei schon verabredeten Haus-Shows noch spielen könnten. Austin singt so herzhaft, aber unaufdringlich schön, besonders wenn man die Punkstimme des von Bloomington/Indiana nach Prag verzogenen Bühnenkoloss kennt. Und da mir nicht mehr aus dem Kopf geht, woher ich den Lapsteeler kenne, spreche ich den völlig verpennten Schnauzbart im Holzfällerhemd nach der Show an. Und kurioser Weise handelt es sich um den Gitaristen von <strong>OiPolloi</strong> und wir verabreden uns vor Freude auf Berlin für den 15. Dezember zu seinem Konzert, obwohl ich doch erst am 16. dort ankommen will.

 

Gainesville, FEST 6, TEIL 2

Danach klingt der Nachmittag mit <strong>The Wading Girl</strong> zumindest für uns aus, mit bezauberndem Akkordeon, betrieben von der Sängerin. Denn danach kurbeln Mason Dixon Disaster mit äußerst ödem Rock den Zeiger auf der Niveauskala wuchtig nach unten. Sie starteten mit einem Countrysong und wunderbarer Frauenstimme, um sich beim Publikum einzuschleimen, um dann in übelsten rock abzugleiten und sich darin wohl zu fühlen. Soya-Latte kann für 50 Cent nachgefüllt werden, Zeit dies zu tun. Die Sängerin merkt, dass sich der Parkplatz vor der Bakery leert, dass ihre Stimme schlecht ausgesteuert ist. Und sie fühlt sich sichtlich deplaziert zwischen ihren ungestört rockenden Bandkollegen.</ul>

Wir gehen. Der lange Weg zurück hat sein Gutes, denn er führt am ansonsten abturnend weit entfernten Supermarkt vorbei, der uns mit veganem Scheiblettenkäse, ebensolchem Streichkäse und Knoblauchbutter den Wochenendvorrat sichert. Elsa und ich treibt’s ins Atlantic, wo die <em>Plan-it-X</em>-Singer/Songwriterin <strong>Madeline Adams</strong> schon ihren Merchandise aufbaut. Unfassbar dran scheint ihre Fangemeinde, die, ob alt oder jung, vom ersten  Song an die entscheidenden Passagen mitsingt. Und Madeline findet das gut und unterbricht einige Male mitten im Stück, um einige Leute im Publikum zu grüßen, die sie von anderen Konzerten wieder erkennt. Das tut dem Fluss ihres Auftritts keinen Abbruch, schafft eher noch mehr entwaffnende Gemütlichkeit, die unseren gesamten Samstag ausmacht. Madeline wird am Keybord von einem Defiance, Ohio-Mitglied begleitet, was uns den kommenden Tag ankündigt, der mit <strong>Defiance, Ohio</strong> und anderen Freunden noch schöner werden soll als dieser. Weshalb ich den Samstag-Abend hier ausspare. Punk und Hardcore halt, wichtig und für viele das Ding hier, aber nur beiläufig für unsere bereits zuvor auf Wolke 7 gelandeten Musikherzen. Und während sich die anderen zu Punk und Hardcore auf die benachbarten Wolken befördern, wundern sie sich, wo wir den ganzen Nachmittag über waren. Aus unserer nicht kleinen Plan-it-X Clique sind wir tatsächlich die Einzigen, die sich den herrlich müßiggängerischen auf dem Parkplatz der <strong>2nd Street Bakery</strong> Musiknachmittag zusammen gebaut hatten.<ul>

<blockquote><strong>Anekdote des Abends:</strong> Weil nix mehr offen hat, steuern wir widerwillig mit dem Magen auf Grundeis Taco Bell an, wo es einige vegane Ginge geben soll, die uns weiter helfen. Da es nach Mitternacht ausschließlich ein Drive-in ist, werden wir nicht bedient. „Get your car and you’ll be served“

   , sagte der Tacobellist. Dass wir kein Auto haben, ist ihm egal. Wir gehen deswegen tatsächlich leer aus.<br> <strong>Und nun der Tipp:</strong> Generell sollte in Gainesville nicht vergessen werden, die vorzüglich spannende jamaikanische Küche im <strong>Reggae Shack</strong> auf der University Street ausgiebig in Beschlag zu nehmen. Sehr zu empfehlen ist das grüne Tempeh Curry für nur 5,75 Dollar, serviert mit Reis, Bohnenmische und gekochten Weißkohlblättern als Beilage.

Sonntag, 28.10.2007

Die Nacht in Chris’ Schulbus namens Busmarine war wohl das beste, was Elsa und mir passieren konnte. Als wir die Festung neben uns enterten, das vollbepackte Haus, warf sich uns sofort ein Schwall aus englischem Fußgeruch, modernden Handtüchern, Pizzaresten, abgestandenem Bier und schlafenden Punks entgegen. Als Chris sich dafür entschuldigt, dass uns <strong>The Dauntless Elite</strong> in einer piraterischen Nacht- und Nebel-Bett-Annektion in den Bus verdrängt hat, grinsen wir nur.<br>

Auch an diesem Morgen funktioniert es alltagsanarchistisch. Er verteilt keine Aufgaben, sondern hofft darauf, dass die Leute um ihn herum für sich heraus erkennen, was um sie herum zu tun ist. Nicht nur der Zustand des Hauses zeigt, dass diese Haltung nicht so ganz aufgeht. Auch Chris’ Gehabe, seit meiner Ankunft sein Shirt nicht zu wechseln, scheint die Anwesenden stumm anzumiefen, doch mal ein wenig gemeinschaftsfreundlicher zu denken. (Einige Tage später sollte ich Chris in Houston/Texas zum einzigen Mal peinlich berührt über sein vielgetragenes Shirt erleben, als er in Houston das neue Buch „<strong>Punk House</strong>“

   von der Autorin und Fotografin <strong>Abby Banks</strong> in die Hand gedrückt bekommt, und ein zwei Jahre altes Foto Jahren ihn in eben diesem Dress zeigt.)

Auf dem Weg zum großen Finale in der <strong>2nd Street Bakery</strong> gabelt uns ein überaufgeregter <strong>Paul Baribeau</strong> auf. Ausgerechnet Paul ist komplett daneben, der Paul, der sonst immer mit seinen Hibbeligkeiten den gesamten Haustand unterhält. Nach dem grandios näselnden <strong>Matty Pop Chart</strong> ist er dran. Doch zunächst plätschert Matty ohne die gewohnten Spielzeuginstrumente nur mit Gitarre und ungewohnt bärtig zumeist Sachen von seiner neuen CD “<strong>Good Ole Water</strong>” ins Publikum, dem er damit ein genüssliches Wach werden bereitet. Die Menge scheint sich verkatert zu räkeln und <strong>Matty Pop Chart</strong> serviert ihnen very laid back näselnd das gehaltvoll musikalische Frühstück dazu.<br> Am Bühnenrand kauert <strong>Paul Baribeau</strong>, so verängstigt wie tief in seinem Bart versunken, ab und an mit panischem Laufattacken durchs Punlikum.<br>

Die 2nd Bakery ist komplett gefüllt, als Paul unsicher auf die Bühne schratet und seinen opener „<strong>Table Cloth</strong>“

   gewohnt mit der Faust auf die Akustikgitarre pochend und ohne Mikro ins Publikum ruft:<ul>

<strong><em>„

   You made a shirt from an old table cloth

and we danced to a Beach Boys’ song

in the yellow living room with the lights gone off,

that was long before everything went wrong.“

   </em></strong></ul>

Danach ist ihm anzumerken, wie widerwillig er zum ungewohnten Mikro geht und seine Gitarre, ja, einstöpselt. Das ist wohl nötig, wenn man vor 400 Leuten und dann auch noch draußen auftritt. Doch Paul macht da nicht mit. Das Mikrofon ist sein Gegner und von Strophe zu Strophe bewegt er sich mehr und mehr davon weg, bis er endgültig den Soundmann zur Aufgabe zwingt und seine Gitarre ausstöpselt. Zuerst am Bühnenrand, dann mitten im Publikum, ist spürbar, wie Paul sich seiner Unsicherheit entledigt, wie einer schlechten Songzeile an einem lauschigen Morgen im verschneiten Michigan.<br>

Alle Leute um ihn herum machen das Spiel mit, hören rücksichtsvoll auf zu singen und hingebungsvoll zu. Und erleben, wie Paul sich zu alter Höchstform, zu dem eben dem großen Singer/Songwriter, Punk und Poeten hinspielt, den Elsa und ich im Frühjahr bei Konzerten in Dundee, Glasgow (vor dem Pub, weil er drin seien CDs nicht verkaufen durfte) und auf einer Insel im Parktümpel des englischen Guildford so lieben gelernt haben. Und es ist mir egal wie redundant es daher kommt, aber Pauls kleine Songpiktogramme werden genau wie <strong>Ghost Mice</strong>’s in einigen Jahrzehnten Traditionals sein, Meisterwerke auf den Trümmern der Punkgeschichte.<br>

Und es ist hervorragend schön, wenn Elsa und ich uns ohne Worte anschauen und genau wissen, was wir denken und fühlen, wenn Menschen wie Paul das Leben ein wenig erträglicher machen.<ul>

Nur Highlights. Denn danach kommen diejenigen, die in Deuschlands Linke wohl unaussprechlich wären: <strong>Andrew Jackson Jihad</strong>, oha & autsch, heißes Eisen. Chris fragte vor einiger Zeit, ob ich nicht eine Platte von ihnen in Europa veröffentlichen würde und klar, ich sagte ab.<br>

Ja, die Musik ist wunderbar, genau der schnelle Akustikfolk mit Stehbass, wie ich ihn brauche, auch die Texte okay –

    aber der Name? Das geht gar nicht. Nachdem ich Chris und den Jihads die Problematik erkläre verstehen sie und sind betrübt. Sie sind und wollen nicht antisemitisch herüber kommen.<br>

In der USA gilt Jihad weitläufig als Synonym für Genozid, wie man mir erklärt. (Und in diesem Kontext sieht die Band das Wort Jihad dann vielmehr als projüdisch, weil die Gleichsetzung mit Genozid anerkennt, was viele politeinsilbige Linke der ganzen Welt in ihrer unkritischen Unterstützung der Palästinenser eben nicht sehen: dass es eben Ziel des Jihads ist, alle Juden und ihre Freunde vom Erdboden weg zu töten. Und auch US-Präsident Andrew Jackson polterte einst passend, dass er nicht ruhen würde, bis jeder „Indianer“

   von amerikanischem Boden getötet würde.<br>

Das ein solch ironisches Polemikspiel in Deutschland dennoch nicht funktionieren würde, ist ach so schade für die ungestüm anrührigen, auf der Bühne ganz zu ihren Songs werdenden <strong>Andrew Jackson Jihad</strong>. Vielleicht pressen sie ihre CDs für Europa einfach unter anderem Namen, sagen sie dann noch betrübter. Hoffentlich fällt uns da was ein, um sie vor den Angriffen übereifriger Antideutscher zu schützen.</ul>

Die Leute von <strong>Andrew Jackson</strong> sind auch immer für eine nächtliche Überraschung gut. Zuerst verpassten sie ihr Pre-<strong>FEST</strong>-Konzert im <strong>Wayward Council</strong>, weil sie die Anfahrt durch die Wüste Arizonas und das massive Texas unterschätzt haben. Nach fast 20 Stunden im Van fallen sie nicht müde zu uns in Chris Schulbus im Garten oder sind gar sauer, dass sie nach all den Strapazen nicht im Haus übernachten können. Nein, sie sind so fröhlich darüber, dass sie in dem, ja DEM Schulbus übernachten dürfen, in dem Chris sieben Monate in Olympia/Washington gelebt hat und täglich einen <strong>Captain Chaos</strong>-Song schrieb. Erstmal Bier holen.<br>

Am Tag danach lösen sie mein Zeltproblem. Mitten in der Nacht tauchen sie mit einem fast neuen Leichtzelt auf, dass ihnen ein Punk an der Straßenecke für fünf Dollar verkauft habe. Fünf Dollar! Sie verkaufen es mir überglücklich weiter, ich gebe gern zwanzig. Einige Stunden zuvor war ich schon soweit, mir ein Leichtzelt im Laden zu kaufen, für 249 Dollar (billigste Version), um vom 2. bis 4. November beim <strong>Blackpot-Festival</strong> in Lafayette/Lousiana und auf dem Gelände der <strong>Carter Family</strong> in Mace Springs/Virginia zu zelten.<br>In der Nacht darauf kommen Andrew Jackson leicht verstört zu uns in den Schulbus: An einer Straßenkreuzung von <strong>FEST</strong>-Konzertort A zu <strong>FEST</strong>-Konzertort B fingen sie eine gefakte Auseinandersetzung an. Als es lauter wurde, wurde ein dunkles Auto langsamer, als würde der Fahrer sie mustern. Eine Minute später rollen sich Andrew Jackson über den Bürgersteig und faken eine Rangelei. Als der dunkle Wagen dabei ist, zum vierten Mal an ihnen vorbei zu cruisen, bleibt er abrupt stehen, die Wagentür schnappt auf und ein Typ in voller Ninja-Montur springt auf den Asphalt. „Any problems? Do you need help?“ „Nein, alles okay!, sagen <strong>Andrew Jackson</strong>, „Wir machen nur Spaß“. „Okay, but tell me if there is anything wrong with you guys.“ <strong>Andrew Jackson</strong> schauen sich an, überlegen, ob sie nun blöde sind, sich auf dem Asphalt zu rollen oder der einsame Maskierte vor ihnen. „Entschuldigen Sie, sind Sie ein Ninja?“. „Yes, and I am taking care of the streets of Gainesville“

   , antwortet der geheimnisvolle Idiot und rauscht in seiner Karre davon zu einem anderen Einsatz.<ul>

Am Sonntag in der <strong>2nd Street Bakery</strong> tauchte der Ninja nicht auf. Aber wer weiß, vielleicht war er unter uns, als Peter Parker von Gainesville. Und vielleicht genoss er genau wie Elsa die Singer/Songwriterin <strong>Erin Tobey</strong>, die einige Male ihren Bruder Matty Pop Chart zurecht weisen muss, sie nicht so schnell an der Gitarre zu begleiten. Erin Tobeys Songs wirken gebrochener als die von Madeline Adams am Tag zuvor, ihr Gitarrenspiel zurückhaltender. Elsa bekommt Hummeln im Hintern und wil sich dahinter klemmen, dass Erin bald nach Europa kommt.</ul>

Soll ich noch weiter diesen Tag über ein ganzes Kleefeld loben (ne, Anna?). Kurz: Die danach kommenden Ghost Mice und <strong>Defiance, Ohio</strong> sind die Höhepunkte des Tages. Als Chris und Hannah von Ghost Mice ihre Akustik-Gitarre bzw. Geige griffen und Hannah mit ihrem nie ermüdenden Lächeln die nun knapp 500 Leute begrüßt, rücken alle noch enger und näher bis auf die Bühen herauf zusammen. Und es ist zu spüren, welchen Stellenwert die beiden als <strong>Ghost Mice</strong> haben. Das sie es sind, die inspiriert vom Singer/Songwriter <strong>Dave Dondero</strong> (der vor seiner Solo-Karriere und Auftritten mit <strong>Bright Eyes</strong> bei <strong>This Bike is a Pipe Bomb</strong> trommelte) die Rennaissance, vielleicht sogar die Geburt eines schnellen, niemals flachen Folk as Punk komplett ohne Strom aus der DIY-Szene heraus in sie hinein versetzt haben. Dabei ist es nicht nur ihre Musik, sondern immer auch ihr lokales politisches Engagement in Bloomington und Gainesville, dass sie zu den Eltern der, naja, Bewegung macht Wie viele DIY-Bands berufen sich in den USA bereits auf Ghost Mice, eine Band, die in Deutschland nach wie vor fast gänzlich unbekannt ist.<br>

Und zu Defiance,Ohio gibt es nicht z uergänzen, was ich nicht schon in diesem Blog über sie geschrieben habe, als Elsa und ich sie in Philadelphia sahen.<ul>

Danach kommen dann die alten Helden des DIY in den USA, <strong>This Bike is a Pipe Bomb</strong> aus Pensacola, Florida. Es wird Verbeugung vor Leuten, die eben nicht wie viele ihrer Fans in den USA mit 23 oder 24 Jahren aus dem DIY-System aussteigen, sondern dabei geblieben sind und weiter ihr Punk-Ding machen, nicht ohne zu reflektieren und auf etwas härtere Weise Folk-Elemente einfließen zu lassen. Hätte die DIY-Bewegung der USA eine eigene schwarze Flagge komplementär zum blau-weiß-roten US-Lappen, <strong>This Bike is a Pipe Bomb</strong> hätten einen fetten Stern darauf verdient. Auch sie sind weiter vor Ort eingebunden, Rymodee z. B. gehört ein punkveganes Restaurant mit kleiner Bühne in Pensacola, dass ein Dreh- und Angelpunkt der dortigen mehr oder weniger anarchistischen DIY-Gruppen ist.<ul>

Wieder brauchen wir den Abend gar nicht, weil der Bakery-Tag den Tank für die nächsten drei Monate auffüllt. Das FEST war ein Fest.

—<ul>

<strong>Gainesville/Florida, 25.10.2007</strong>

Das <a href=”http://thefestfl.com”><strong>FEST 6</strong></a> rückt immer näher und das <a href=”http://plan-it-x.com”>Plan-it-X</a>-Hauptquartier füllt sich. Gestern stießen Alex aus Wales, heute <a href=”http://thedauntlesselite.com”><strong>The Dauntless Elite</strong></a> aus England zu uns. Die ersten zwei Pre-Shows sind geschafft, herausragend heute <a href=”http://cowboydynamite.tripod.com”><strong>Cowboy Dynamite</strong></a> aus <em>Nashville</em>, die nur mit Schlagzeuger und Gitaristen/Sänger den <a href=”http://members.tripod.com/wayward_council”><strong>Wayward Council</strong></a> wegclashten.<ul>

<a href=”http://members.tripod.com/wayward_council”><strong>Wayward Council</strong></a> ist ein Non-Profit-Platten-, Fanzine-, Buch- und Infoladen in der US-Do-it-Yourself-Hochburg Gainesville/Florida, den es als Projekt schon seit ca. zehn Jahren gibt.<br>

In der Nacht vor den Pre-Shows gingen wir zum Wayward, um eine Bühne zu bauen. Und sie müssen uns die ganze Zeit über beobachtet haben. Wir verließen Wayward kurz nach vier in der Nacht und um neun Uhr danach bemerkten die Ehrenamtlichen, dass die Kasse mit einem 900 Dollar-Erlös aus verkauften FEST-Tickets geklaut worden ist.<br>

Die Gesichter enttäuschten sich mir entgegen, als ich nach einem  konfusen Orientierungslauf durch die brütende Mittageshitze Gainesvilles wieder im Wayward stand. Die Volunteers kreisen um die gelangweilten Polizisten, wohlwissend, dass die nichts tun werden. Keine Versicherung und der FEST-Vorbereiter fragt bereits nach seinem Geld. Kleines Loch im oberen Fenster, gezielter Gang zur nicht so leicht zu findenden Geld-Kassette.<br> Aber warum liegt die Brechstange noch im Laden? Und wieso war der Laden morgens wieder sauber abgeschlossen? Muss wohl ein Ehemaliger gewesen sein, der Rache üben wollte, den Schlüssel verloren oder an einen Amateurdieb vertickt hat.<br>

Welcher Halunke tut so etwas? Da geben Kids ohne Bezahlung alles, um einen Platz jenseits großer Geldbörsen zu schaffen, in dem Eigenes aus den ganzen USA aufgebaut und zugänglich gemacht werden kann. Hier hat jemand nicht gewusst, was er tut. Und dafür gehört er nach amerikanischer Tradition geteert und gefedert.</ul>

Am Tag vor dem Einbruch im Wayward druckte ich mit Chris von <a href=”http://www.myspace.com/ghostmice”><strong>Ghost Mice</strong></a> noch <a href=”http://members.tripod.com/wayward_council”><strong>Wayward Council</strong></a>-T-Shirts zur Unterstützung des Ladens, die nun bitterer nötig ist, als wir dachten. Chris druckt T-Shirts per Hand in einem abgewandelten Siebdruck-Verfahren. Schon im vergangenen Mai auf <a href=”http://www.myspace.com/ghostmice”><strong>Ghost Mice’s</strong></a> Europa-Tour war ich überrascht, wie gut die Qualität der Shirts ist, die im DIY-Stil mit Tinte und Hilfe einer selbst hergestellten Druckvorlage im Bilderrahmen bedruckt werden können. Die alten Baseball-T-Shirts dazu gab’s diemsal umsonst von der Altkleidersammlung.<br>

Chris steht hier dafür, dass man auf einem „downsized Level“

   fast alles selbst machen kann und dabei noch überleben. Und er verbreitet diesen Virus leidenschaftlich und unermüdlich. Während ich für ihn den Druckrahmen fixierte, war ich glücklich und frei. So kann Do-it-Yourself-Hausarbeit Freude machen. Du sitzt mit Freunden zusammen und fängst langsam an, Booklets zu falten, CDs zu verpacken und T-Shirts zu drucken. Und immer geht es um Bands und Plätze, die du als die deinen begreifst.<br>

Ich halte das erste gedrucke T-Shirt vor mir hoch und freue mich, dass ich mit 35 Jahren nicht in irgendeinem Anzug in einer Firma stecke, nicht von 9 bis 5 arbeite und noch immer 100% das mache, was ich will. Irgendwo in Florida, gerade den ersten Krokodilen im Tümpel nebenan entkommen, vor mir ein Festival der DIY-Superlative, aber heute bekommt die ganze Bande erstmal meinen gefürchtet-geliebten Thai-Wok. Es ist ein gutes Gefühl, keinen Job zu haben und gleichzeitig nicht arbeitslos zu sein.<br>

Was ist es doch für ein Unterschied: Wenn mich früher mein Stiefvater zur Hausarbeit quälte und wie ich es hasste. Vermutlich hasste ich es auch, weil er mir andere Dinge, für die ich mich begeistern konnte, einmalig mies machen konnte.<br>Hier in Florida macht alles plötzlich Sinn. Niemandem wünsche ich, durch diese Jugendschule zu gehen, aber es hat mir DIY-Skills gegeben die heute viel wert sind.<br>

Na, nicht so voreilig… meine nächste Aufgabe, den Schulbus zu putzen, mit dem Crhis seine <a href=”http://www.plan-it-x.com”><strong>Plan-it-X</strong></a>-Bands gern auf Tour schickt, verlangt nicht so viele Skills, sondern Schweiß. Ein Schweiß, den ich gern fließen lasse, weil er nicht von entfremdeter Arbeit zeugt.<ul>

Nach zwölf Jahren Fußball-Fan-Aktivismus bei und einer frustrierenden Projekt-Schlussphase schien die Luft komplett raus. Ich sah sie förmlich am Horizont uneinholbar hinweg wehen. Nur in Brighton und Arran sein konnte mich noch aufmuntern; wenn du morgens aufstehst und das erste, was du siehst, das Meer ist, kann es einem Halbdepressivem nur gut gehen. Doch nun wird meine USA-Reise ein wunderbar ständiges „Aufs-Pferd-setzen“

   , um immer tiefer Luft zu holen. Viel auf sich selbst zurück geworfen, findest du herzliche Freunde, die du zuvor nicht kanntest, und die dir mit entwaffnender Güte zur Seite stehen. Und bevor es noch hochtrabend pathetischer wird, öffne ich lieber ein Bier und verziehe mich in mein neues Zuhause im geputzten Schulbus. Denn gleich muss ich mit <a href=”http://www.myspace.com/paulbaribeau”><strong>Paul Baribeau</strong></a> nach Jacksonville, um meine Liebste vom Flieger abzuholen. Und dann machen wir das FEST zum Fest.<ul>

—</ul>

<strong>Jacksonville & Gainesville, 21.10.2007</strong><br>

Schade, dass ihr es nicht hören könnt: Es ist so schön, einen Blogeintrag zu schreiben, während Hannah von <a href=”http://www.myspace.com/ghostmice”><strong>Ghost Mice</strong></a> im Hintergrund Geige probt und dazu singt. In fünf Tagen beginnt das große <a href=”http://www.thefestfl.com”><strong>FEST 6</strong></a> in Gainesville/Florida, danach gehen <a href=”http://www.myspace.com/ghostmice”><strong>Ghost Mice</strong></a> auf Tour durch den amerikanischen Süden. Außerdem muss Hannah in den nächsten Tagen aufnehmen und sie hat noch nichts ausgefeiltes drauf, wie sie sagt.<br>

Wir sind in Chris’ Wohnung, dem Hauptquartier von <a href=”http://www.plan-it-x.com”><strong>Plan-it-X-Records</strong></a>. Noch ist die Luft rein und wir sind acht Leute im kleinen, hellblau angestrichenen Cottage. Bis Donnerstag werden es aber mindestens dreißig Leute mehr, die beim <strong>FEST 6</strong> auftreten, sich hier übereinander stapeln und nur noch kalt duschen möglich machen werden.<ul>

Gestern bin ich in <strong>Jacksonville/Florida</strong> gelandet, mit einem Zwischenstopp in <strong>Atlanta</strong>, wo man mir meinen Flug abkaufen wollte. Das ging wie Poker. durch Überbuchung wurde einigen Passagieren angeboten, spätere Maschinen zu nehmen. Zur Entschädigung gab’s einen Freiflug, hin- und zurück. Als noch zu wenige anbissen, kamen 40 Dollar drauf, usw.<br>

Also besserte ich meine Reisekasse auf und muss stattdessen auch nicht mehr soviel Trampen. Denn ich konnte gleich noch einen Flug von Los Angeles nach Philadelphia am 6. Dezember umsonst einstreichen.<ul>

In Jacksonville war ich eh zu früh und versetzte in der Stunde Wartezeit die Security-Leute mit meinen viel zu vielen, zu sehr aus der Hüfte geschossenen Reiseplänen ins Staunen. Beziehungen konnte ich dadurch nicht aufbauen, Quatsch ist Quatsch und Arbeit ist Arbeit: Als Chris und die anderen aus dem Van sprangen, um mich einzusacken, mussten wir auch gleich wieder aus der Ladezone raus und konnten dort nicht auf <a href=”http://www.plan-it-x.com/catalog.html”><strong>Spoonboy</strong></a> warten, der einen Flug später kommen sollte. <em>Spoonboy</em> entschied, seine erste Platte aufzunehmen, als er nach einem <a href=”http://www.billybragg.co.uk”><strong>Billy Bragg</strong></a>-Konzert zu Braggs Wohnwagen durch die Abzäunung kroch, um ihn mit seinem Gitarrenspiel wach zu halten. Prompt kam auch Mr Bragg himself durch die Blechtüre gehastet, rückte <em>Spoonboy</em> einen Dollar in die Hand und sagte: „Nun geh und nimm Gitarrenunterricht.“

   <ul>

Wir verbrachten die Wartezeit im nahen <em>Wal Mart</em>, weil es in der Umgebung von Jackonsvilles Flughafen sonst soviel zu tun gibt. Dort versuchten wir zu entschlüsseln, was die CD-Rubrik „<em>Adult Contemporary</em>“ wohl meinen konnte, weil sich darunter die unterschiedlichste Musik aus unterschiedlichen Jahren feil geboten wurde. „That’s the stuff your parents might like“

   , klärte uns einer der <em>Wal-Mart</em>-Lohnsklaven auf und meinte, dass man es den Leuten so einfacher machen wolle, ein Geschenk für die älteren Familienangehörigen zu kaufen.<ul>

Chris, Hannah, Izzy, Victor aus Schweden und die anderen hatten den ganzen Tag an einen Kurzfilm am Strand gedreht. Nachdem Chris als Captain Chaos sieben CDs in sieben Monaten auf unterschiedlichen Labeln veröffentlicht hat, also jeden Tag ein Song und den meistens im ersten Take belassen, hat er nun eine weitere Wette laufen: Bis November jeden Tag ein Kurzfilm mit Handlung. Kurze Jokes zählen nicht, Länge höchstens drei Minuten<br>

Während sein Kontrahent noch nichts komplett fertig hat, ist Chris nur einen Tagesfilm hintenan.<br> Nach dem Piratenfilm am Strand, mit einem dem Bermuda-Dreieck entfleuchten  Seeräuber aus dem 16. Jahrhundert, der verwirrte Surfer um Gold anfleht, sind die <em>Wal Mart</em>-Insassen wider Willen auf der Suche nach einem neuen Plot. Noch in der Nacht soll der neue Film her.<br>

Von einem Bewerbungsgespräch um einen Job als Zombie, Zombies, die alle Menschen zu ihresgleichen gemacht haben und sich fragen, was sie nun tun sollen, von Geisterszenen im nächtlich geöffneten <em>Ikea</em> bis zu ging die Bandbreite der nicht aufhörenden Ideen. Chris zeigte sich zuversichtlich. Vor allem hatte es ihm angetan, einen mehrsprachigen Film zu machen, mit Viktors schwedischen Stimme und meiner auf deutsch.<ul>

Zuerst aber sollte <a href=”http://www.plan-it-x.com/catalog.html”><strong>Spoonboy</strong></a> mit einer Bauchchoreografie am Kofferband in Empfang genommen werden, indem jede/r unserer Bäuche so eddingbeschrieben, dass sie in einer Schwabbelreihe nebeneinander stehend seinen Namen ergaben. <strong>Spoonboy</strong> machte uns jedoch unwissentlich einen Strich durch die Rechnung, indem er wie aus dem Nichts hinter uns auftauchte. Allein durch seine Ankunft stahl er uns die Schau, dieser hagere kleine Schulschwänzertyp, den man mit den riesigen Pappköpfen in seinen Händen, Ronald Reagan und Karl Marx, sofort in sein Herz schließen muss.<ul>

Spätestens als wir in der in der Hütte in Gainesville ankamen, fühlte ich mich endlos wohl in der kleinen Gruppe, die bis zum 28. Oktober meine Familie sein wird. Chris erweist sich als improvisierender Heldenkoch, aber vielleicht will der DIY-coholic uns nur wohlig auf den nächtlichen Filmshot einstimmen. Er nimmt die Wette sehr ernst und sollte später noch die ganze Nacht an dem bislang geschafften hin- und herschneiden.<br>

„Wir erwarten <strong>Paul Baribeau</strong> ggen drei Uhr heute Nacht“, ruft Chris nach dem Essen unvermittelt in die gemütlichere Runde. Und bevor unsere Freude über diese Überraschung zünden kann, hat Chris ih nschon zwangsverpflichtet: „Hey, wir sollten ihn als Pizzaboten nehemn für die Szene in unserem Film!“

   <br>

Und der plötzlich aus dem Dunkel der Nacht in die Tür sich projizierende Paul kann noch nicht mal zu Ende erzählen, dass er sich den durch seine Auftritte schon legendär gewordenen Bart abrasieren will („Fans“

   kleben sich schon Plastikbärte zu seinen Konzerten an die Backen, wenn der irgendwann mal gegen seinen Willen ganz groß gewordene Singer/Songwriter Baribeau sich eine Gitarre im Zuschauerraum erbettelt, um endlich auftreten zu können.) Es dauerte nur einen kurzen Moment, um den trotz langer Anreise relaxten <em>Paul Baribeau</em> in hektische Bühnenstimmung zu versetzen, als Chris ihm die Rolle als Pizzabote aufdrückte, was demnächst über umwege sicher irgendwie bei <strong>YouTube</strong> landet.<ul>

Danach geht es ans Eingemachte. Wie baut man einen verwirrten Deutschen in einen Film ein, von dem man vor einer halbem Stunde noch nicht wusste, dass es ihn geben wird? Ist doch klar oder nicht? – Man drückt ihm einen Revolver in die Hand und lässt ihn einen behandschellten Schweden foltern und am Ende hinrichten. Immerhin darf er sich vorher die Hinrichtungsart aussuchen. So komme ich also bereits sechs Stunden nach meiner Landung in Gainesville zu meiner ersten Filmrolle. Es verspricht, eine großartige Woche zu werden.<ul>

Und in der Zwischenzeit ist Chris zurück vom FEST-Vorbereitungstreffen und singt zu Hannahs Geigenspiel.<ul>

—</ul>

<strong>Brooklyn, 17.10.2007</strong>

Heute ist Brooklyn-Tag. Meine europäische Angst, die ich direkt nach der Ankunft hatte, ist komplett verflogen. Mit ganz viel <strong>Smoke</strong> im Kopf ziehe ich los, laufe durch <strong>Bushwick</strong>, die kubanisch geprägte Gegend rund um <em>Knickerbocker Street</em> entlang, um sie zu genießen, so lang sie noch nicht gentrifiziert ist.<br>Dieser Prozess setzt bereits ein, zuerst kommen weiße Middle Class-Kids, die billige Mieten und kreativen Platz brauchen, um ihren Mist zu studieren oder ihre Studienzeit mit dem zu verbringen, was sie später Kunst nennen. So gut manche ihrer Ideen und Arbeiten sind, so sehr sind sie Agenten des Neoliberalismus, der die sonstigen Bewohner bald zwingen wird, nach New Jersey zu ziehen oder sonstwohin, wo es günstiger und erträglich ist. Denn den Kids folgen die Cafés, dann kommen trendy Shops und bald setzen systematische Renovierungen ein, die Mieten steigen lassen. Und dann kommen Yuppies und andere Bobos, zu ihrem Job gegen Bezahlung ein wenig Flair abgreifen wollen. Kennt man auch vom <strong>Friedrichshain</strong>. Hier in <em>Brooklyn</em> hat sich der Bereich um <strong>Bedford Avenue</strong> nicht einmal innerhalb von zwei Jahren  von einem Platz, an dem selbst Einheimische sich nicht sicher fühlten, zum derzeitigen trendy Pseudo-Alternative-Lifestyle-Hotspot New Yorks entwickelt.<ul>

Weil die Sonne unablässig blastet, springe ich spontan in den F-Train nach <strong>Coney Island</strong>, wo demnächst gentrifiziert wird. Der alte Vergnügungsort <em>Coney Island</em> mit den verlassenen Kirmesständen und Holzachterbahn soll wieder belebt werden. Allein deswegen will ich nach der Eröffnung des dann neuen <em>Coney Islands</em> noch mal hierhin, weil die vollkommen leere Vergnügunsbrache in ihrer charmanten Ödnis jede Vorstellungskraft an so etwas unterbindet.<br>

Mitte Oktober, ich stehe mit hoch gekrempelter Hose im Meer und hadere mit mir, ob ich mich in Unterhose und ohne Handtuch in die Wellen werfe. Es is perfekt still am warmen Sandstrand, jenseits des Piers, an dem sich wohl <em>Michael Douglas</em> nach dem Ausbruch aus seinem 9-to-5-Leben in “<strong>Falling Down</strong>” in Unterhose die Gesellschaft des Wassers zu suchen und die beiden allein zu lassen. Wenn die es am Strand um zm Lunch tun können, kann ich auch den Sprung ins kalte Wasser wagen.</ul>

Es ist befreiend, sich als vom Wasser kalt versalzen zu lassen und danach zum Trocknen entlang am Strand von <em>Coney Island</em> nach Brighton Beach durch den Sand zu dümpeln. Etwas besseres, als sich vom Arbeitsamt abzumelden und sich das Leben zurück zu holen, kann mir nicht passieren. Mein Rucksack ist gut gefüllt, mit Obst, einem Knoblauchbrot und leckerem Houmus –

   Dinge, die ich in einem Container hinter dem kubanischem Supermarkt auf der <em>Knickerbocker Street</em> gefunden habe. Was kostet die Welt?<ul>

Brighton ist anders als Brighton, als Brigthon in Sussex/England. Denn hier ist Brighton sowas wie <strong>Little Russia</strong>, die Straße hiner der Strandpromenade übersät mit kyrillisch bedruckten Schildern an Geschäften und Lokalen. Auch hier mag ich Brighton, gefüllt mit den eventuellen Nachfahren russischer Anarchisten und Anti-Kommunisten, die aus der jungen Sowjetunion flüchteten. In den Supermärkten überall Frischtheken mit unverfälschtem Ost-Food, wie es in meiner Familie in meiner Jugend noch Gang und gäbe war. Niemand käme auf die Idee mich in Englisch anzusprechen –

   Integration ist die Freiheit man selbst sein zu können.</ul>

Und plötzlich sind Geografien niht mehr wichtig, esvermischen sich die Städte in meinem Kopf. Der B-Train in Brighton, dem Stadtteil von Brooklyn, erhebt sich über das Viertel wie die U1 in Kreuzberg nahe Schlesisches Tor. Es fühlt sich an, als könnte  ich jederzeit nach Hause laufen, über die Brücke an der Ankerklause vorbei nach Nordneukölln, ins gefühlte Kreuzberg. Dabei soll der B-Train soll mich hoch bringen zu Brooklyns Prospect Avenue Station, wo ich die Stelle vermute, an der das ehemalige Stadion der <strong>Brooklyn Dodgers</strong> stand, Baseball. 1957, zwei Jahre nach ihrem meisterschaftsbringenden Sieg über die glorreichen New York Yankees spielte das legendäre Team sein letztes Inning in <strong>Ebbets Field</strong>, bevor ihr Besitzer es einpackte und nach Los Angeles verfrachtete und sie zu den <em>Los Angeles Dodgers</em> machte.<br>

Ein Vorgang, der nicht unbedingt eine Ausgeburt des Kapitalismus ist, denn auch <em>Hansa Rostock</em> und <em>Berliner FC Dynamo</em> sind ähnliche Fälle und zu DDR-Zeiten von woanders verlegt und umbenannt worden.<ul>

Niemanden, den ich Frage, weiß wo es sein könnte. Ich bahne mir einen Weg durch chaotisch hingekleckste Billigläden auf großen Asphaltflächen, zwischen halb verrammelten Häusern, deren Wände so wunderbar üppig Farbe ablättern lässt, als wollten sie die nicht erzählten Geschichten der Leute erzählen, die sich hier einst den Weg zu Spielen der <strong>Brooklyn Dodgers</strong> Viertels erzählen. All die Vorfreude, das Gefühl sich unter die anderen zu mischen, die den Tag genauso verbringen wollen, der ganz eigene Geruch rund um das Stadion.<br>

Und nachdem ich <em>Wendy’s</em>, <em>Popeye’s Chicken</em> und eine Tankstellenansammlung hinter mich gelassen habe, erstrahlt es am Fuße eines <em>McDonald’s</em> vor mir, <strong>Ebbets Field</strong>. Es steht angeschlagen an einer Mauer, über der auf einem Plateau ein Pförtnerhaus wie Checkpoint Charly thront, das den Hochhaus-Wohnkomplex bewacht, der heute auf dem Baseball-Feld steht. Nirgends eine Tafel zur Erinnerung und als die Pförtner beginnen mich als Verdächtigen zu mustern, entscheide ich mich zum Angriff und gehe auf sie zu. Ein abgetakelter Möchtegern-Baseball-Spieler sucht die Dodgers, haha. Sie erklären mir genau, wo die erste Base und der Wurfhügel war und während sie so reden, beginnen sich die Häuser vor mir zu Tribünen zu wandeln, die Fenster zuden jubelnden Massen, alles schwarz-weiß.</ul>

Sie stoppen meine Erinnerungsregie, indem sie mir erst auf mit dem Finger auf die Schulter tippen und diesen dann die Straße hinunter weisen. Drüben an der Ecke, <em>im schwarz-gelben Cashpoint der Western Union</em> soll bis 16 Uhr eine kleine Selfmade-Ausstellung zur Geschichte des Stadions sein. Leider ist es schon nach 16 Uhr. Die beiden Pförtner sind inzwischen ganz ich, dass sie aufgeregt nach Ersatz suchen lässt. Letztendlich schicken sie mich auf die andere „Stadionseite“

   zur Jackie-Robinson-Schule, deren Eingangsbereich von Baugerüsten umgarnt wird. <strong>Jackie Robinson</strong> von den <strong>Brooklyn Dodgers</strong> ist nach wie vor ein neu-amerikanisches Symbol, besonders der dunkelhäutigen Bevölkerung. Die <strong>Brooklyn Dodgers</strong> brachen als erstes Team den Bann, der auf schwarzen Spielern lag und setzten Robinson ein, der genug Persönlichkeit hatte, durch seine Leistung und sein öffentliches Wort für die schwarzen Baseballer in den USA einzutreten.<ul>

<strong>Jackie Robinson</strong> und die <strong>Brooklyn Dodgers</strong>. Diese dramatsiche Geschichte ist im Ganzen nur möglich, einem weil das Stadion abgerissen und Brooklyn sein sportliches Herz heraus gerissen wurde. Wären die <em>Dodgers</em> so von Legenden umsponnen, wenn sie heute noch hier und vermutlich in Liga Drei oder Vier spielen würden?</ul>

Das abnehmende Tageslicht schiebt mich wieder zur Bahn, nach <strong>Brooklyn Heights</strong>. Von diesem Hügel am Fuße Manhattans und dem Gang über die <strong>Brooklyn-Bridge</strong> will ich den Sonnenuntergang mitbekommen, der sich dann ach brav um den <em>Big Apple</em> legt. Es ist lustig, auf dem Bretterboden meine letzten Shoplifting-Ergebnisse verzehrend die Fototouristen zu begaffen, die sich entweder von New Yorker joggern umrennen oder Fahrradrasern anfahren lassen. Der Gang über <em>Brooklyn-Bridge</em> rein nach Manhattan rundet den Tag ab und ist eine der Sehenswürdigkeiten, die ich nur empfehlen kann. Den ersten Schritt hinunter von der Brücke, rein nach Manhattan sind es plötzlich nicht mehr nur die massig vorhandenen „I love New York“-3-Dollar-Shirts, die mir mit ihrem Herz-Design in den letzten Tagen immer wieder ins Gesicht sprangen. Denn dazwischen strahlt ein „I love BK“

   - T-Shirt auf. Ja auch ich habe mich an diesem Tag in <em>Brooklyn</em> verliebt.<ul>

Deshalb back to where your love is. Zur frischen Liebe spielen am späteren Abend dann <strong>Strand of Oaks</strong>, <strong>Dragon Turtles</strong> und <strong>The Black Swans</strong> im Brooklyner <strong>Union Pool</strong> auf, Union Avenue. <strong>Tim</strong> von <a href=”http://www.myspace.com/strandofoaks”><strong>Strand of Oaks</strong></a> hat in den letzten zwei Jahren diese ehrliche Schüchternheit abgelegt, seitdem ich ihn 2005 in <em>Reading</em> und <em>London</em> als support von <strong>Kimya Dawson</strong> gesehen habe. Auch wenn er jetzt mehr mit dem Pubikum macht, ist er nie posend, sondern sich immer zurücknehmend.<br>

Die Musik reißt mich ins sich und ich beginne von einem Konzert mit <a href=”http://www.myspace.com/strandofoaks”><strong>Strand of Oaks</strong></a>, <a href=”http://www.myspace.com/talltalesmusic”><strong>Tall Tales & The Silver Lining</strong></a> und <a href=”http://www.centro-matic.com/will-johnson”><strong>Will Johnson</strong></a> von <a href=”http://www.centro-matic.com/south-san-gabriel”><strong>South San Gabriel</strong></a> auf meiner Lieblingsinsel <strong>Arran</strong> in Schottland zu träumen. Im Cottage <strong>Fuchsia Bank</strong> spielen sie davor und darin und machen liebe Leute glücklich. Und <em>Arran</em> wird für einen Tag zu <em>Brooklyn</em>.</ul>

—<ul>

<strong>Manhattan, East Village & mehr, 16.10.2007</strong>

Man nehme <em>Friedrichshain-Kreuzberg</em> und <em>Brighton</em>, werfe es in einen kulturell geografischen Mixer, strecke es gehörig mit bestem Flair und es wird New Yorks gentrifiziertes <strong>East Village</strong>. Hier haben Künstler und Politgruppen wie so oft den Politikern unfreiwillig die Arbeit abgenommen und  so einiges durch ihre Ausdehnung beruhigt. Was nur zu einem gewissen Teil zynisch klingt, denn es ist längst nicht so geworden, wie es der zukünftige US-Präsident <em>Giuliani </em>als ehemaliger Bürgermeister von New York City gern gehabt hätte. Und deshalb wohl auch um einiges erträglicher.<ul>

Das es für einige dennoch deprimierend ist, zeigt die Aufschriften „<strong>Don’t knock, go away“ „We don’t sell!</strong>“

   am ex-besetzten und nun syndikalisierten Haus <strong>C-Squat</strong> am an der Avenue C. Das entsprechende <strong>Alt Coffee</strong>, das angeblich auf der Avenue A sein soll, finde ich erst gar nicht. Stattdessen Yuppies, die sich hinter ihren Prothesen namens Laptops in Cafés verschanzen, und für ihr Recht aufs Surfen einen Kaffee Latte kaufen. Und ich setze mich mit meiner Prothese dazu.</ul>

Nachmittags treffe ich mich in der Avenue B mit der Autorin und Journalistin <strong>Ulrike Heider</strong>, die es vor Ewigkeiten hierhin verschlagen hat. Leider erst in ihrem Appartement hoch über den Wolken erfahre ich, dass sie 1992 das Buch „<strong>Die Narren der Freiheit</strong>“ im <strong>Karin Kramer Verlag</strong> veröffentlicht hat, dass meinen historische Vobereitung auf meinen Trip mit Büchern wie „<strong>Boxcar Bertha</strong>“, „<strong>Wo ich bin, ist nirgends</strong>“ und etwas <em>Jack London</em> wohl vernünftig abgerundet hätte. „Die Narren der Freiheit“

   ist eine Spurensuche zum Anarchismus in den USA um <em>Emma Goldman</em>, <em>Alexander Berkman</em> und andere und immer noch lieferbar und auch in englisch beim Verlag <strong>City Lights</strong> in San Francisco zu bekommen. Schnell notiert.<br>

<em>Ulrike</em> habe ich nicht nur durch meinen Mentor und Freund, den <em>Adorno</em>-Schüler, Anto-Olympioniken und Fanforschungspionier <em>Dieter Bott</em> kennen gelernt, sondern auch durch ihr Buch “<strong>Keine Ruhe nach dem Sturm</strong>” schätzen, weil sie ein literarisches Erzählen mit dokumentarischen Anleihen und Persönlichem verstrickt. Das ist von Verlegern unter Verkaufskriterien nicht immer gern gesehen und deshalb doppelt so hoch anzurechnen. Jetzt erzählt sie mir, das der jüngere <em>Hans Magnus Enzensberger</em> mal ein Buch über <em>Durruti</em> gemacht hat… New York vertieft den Kontakt und wir werden uns sicher nochmal in Berlin sehen, um über unsere nächsten Buchprojekte auszutauschen.<ul>

Danach lasse ich mich weiter durch die Straßen des <strong>East Village</strong> treiben, die wie eine lebendig gewordene Ausstellung wirkt, die mich freundlich als temporäres Exponat aufnimmt. Im <strong>East Village Books</strong> Buchladen fallen mir Raritäten reihenweise aus den Regalen in die Arme, die gesammelten „<strong>The Blast</strong>“-Ausgaben, die anarchistische Arbeiterzeitung, die <em>Alexander Berkman</em> bis zu seiner Deportation nach Russland in den USA herausgab. <br>Dann ein fanzineartiger Wälzer des mir bis dato unbekannten <em>Ed Buryn</em> übers Trampen in den USA der Sechziger und Anfang Siebziger namens „<strong>Vagabonding in America</strong>“

, der 1973 bei Random House erschien und sinngemäß wunderbar so endet: Das viele Schreiben über das Vagabundieren entfremdet einen immer mehr davon und stiehlt einem die Zeit. Deshalb habe ich beschlossen, nie wieder darüber zu schreiben, sondern es wieder und nur noch zu tun. Vagabunden haben die USA aufgebaut, es ist ein Teil von uns. Es steckt auch in dir. Also, in diesem Sinne, vielleicht trifft man sich irgendwo.

Der <strong>Charles H. Kerr Verlag</strong>, der „älteste Anti-Estabishment-Verlag der USA“, den ich demnächst in Chicago besuchen will, ist mit <em>Slim Brundages </em>„<strong>From Bughouse Square to Beat Generation</strong>“

 vertreten. Der 1921 geborene <em>Brundage</em> schreibt über sich sowas wie: Ich bin als Hobo gefoltert und verjagt worden, später hat das FBI einige Regale über mich gefüllt sind. Und alles nur, weil ich in meinem Leben für einen Platz garantieren wollte, an dem Meinungsfreiheit die einzige Regel ist. Verdammt, ich weiß, was ein Polizeistaat ist.

Im Buchladen <a href=”http://www.bluestockings.com”><strong>Blue Stockings</strong></a> (Allen Street zischen Stanton und Rivington) stehen vor allem neue Titel von Sadie Plant („

The worst radical gesture”), <em>Christine Harold</em> (“<strong>Our Space</strong>”) und <em>Anthony Weston</em> (“<strong>How to re-imagine the world</strong>”), die auf den ersten Blick durch ihren sympatischen Hang zur Anwendbarkeit auffallen und sich Kommunikationsguerilleros anbieten.

 

Ein Stunde Arbeit in New York

Nebenan im <a href=”http://nymag.com/listings/restaurant/tiengarden/”><strong>Tiengarden</strong></a>, einem All-vegan-Restaurant, in dem asiatische Küche schnell und unkompliziert, aber lecker und mit Händchen gegen vorschnelles Gemansche mit Italienischem vermischt und anderem Europäischem kombiniert wird, verwickelt mich der Kellner in Gespräch. Zuerst das übliche. Woher ich komme, was ich heute noch vorhabe.

Nach dem Essen kommt er zu mir und ist plötzlich schüchtern, gar nicht mehr so fragefreundlich druckst rum und findet einen Weg: „

Du willst doch heute Abend noch aufs <strong>Empire State Building</strong>. Nun, der Fahrstuhl ist scheißenteuer und so hab ich mir gedacht… ähem, nun… Alle meine Lieferanten sind gerade raus und ich habe hier eine große Bestellung, die mit dem Fahrrad hier in der Nähe gebracht werden muss. Hell, ich gebe dir 5 Dollar Rabatt, wenn du da eben rumfährst.

So komme ich zu meinem ersten illegalen Job in den USA. New Fucking York, ich liebe dich. Als Pfand will ich mein Notizbuch da lassen. Er nimmt es nicht einmal, obwohl ich doch mit der Kiste Essen und dem Mountain-Bike verschwinden könnte. und so wusele ich mich im Slalom unsauber durch die Straßen des <strong>East Village</strong>, vorbei an vielen dieser urigen, von Lehrern, Schülern und Freiwilligen aus dem Viertel angelegten öffentlichen Wildgärten auf Brachflächen zu meiner Lieferadresse. Wo ich auch noch 2 Dollar Trinkgeld kassiere. Damit habe ich mein Essen nun komplett wieder raus.

Auf dem <em>Empire State Building</em> dann auch noch ein Heiratsantrag auf Knien. Hallo Kitschwood? Für ein Pärchen aus Japan aber sicher äußerst exotisch. Und sie hat JA gesagt.

Der Tag gehört mir, als ich mit dem Erlebten über den <strong>Times Square</strong> traversiere und die, Werbelichter mich vor lauter Wärmeproduktion die Jacke wieder ausziehen machen, das <strong>Rockefeller-Center</strong> im Öl der Nacht ertrinkt und mir meine Liebste am Telefon erzählt, dass sie in Philadelphias A-Space einen wunderbar motivierenden Abend beim Verpacken von Büchern für Häftlinge hat.<br>

Während der nächtlichen Rückfahrt nach Brooklyn denke ich an <a href=”http://www.myspace.com/jasonandersonisawesome”><strong>Jason Anderson</strong></a>, der sich nach füf Jahren Dauertournee mit seinen Songs und Gitarre in New York als Musiklehrer für Kids im Vorschulalter versucht. Wer <em>Jason</em> kennt, der wie auf Natur-Speed und Koks zugleich scheint, aber einfach nur ein fröhlich und durch und durch positiv überwältigender Mensch ist, weiß, dass das nur gut gehen kann. Ich hoffe, dass <em>Jason</em> morgen wie verabredet in den Union Pool nach Williamsburg kommt, wo unter anderem <a href=”http://www.myspace.com/strandofoaks”><strong>Strand of Oaks</strong></a> aus Wilkes-Barre in Pennsylvania spielen wird, eine meiner vielen Lieblingsbands, die hoffentlich blad auf dem Label erscheinen, das meine Liebste und ich planen<br>

Und als ich am Union Square umsteigen will, traue ich meinen Augen nicht: Auf den Stufen zu meinem nächsten Anschlusszug sitzt <strong>Jason Anderson</strong>. Wir trauen unseren Augen nicht und liegen uns in den Armen. New fucking York, ich liebe dich schon wieder. <em>Jason</em> lebt sich scheinbar gut in seine Seshaftigkeit ein, er ist gerade dreißig geworden und hat nach seiner langen Reise das Gefühl, sein Leben fängt endlich an. Bleibt nur zu hoffen, dass meine Reise, mir am Ende genauer klar macht, was ich mit der zweiten Hälfte meines Lebens anstellen will.

 

<em><strong>Tipp:</strong> Die vegane Banana-Chocolate-Torte im <a href=”http://supervegan.com/r.php?id=7″><strong>Atlas Café</strong></a> (73, 2nd Avenue, zwischen 4th und 5th Street. Überhaupt das <strong>Atlas Café</strong>. Habe noch nie so viel so leckere vegane Kuchen, Torten, Muffins, Brownies etc, gesehen, Kein Wunder, dass der Typ an der Kasse genervt war, weil ich bestimmt zehn minuten brauchte, bevor mir kalr wurde, dass ich fünf unterschieldiche Teile nicht bestellen könnte, weil sie meinen eh fetter werdenden Bacuh sprengen würden. Das <strong>Atlas Café</strong> hat nicht nur Kuchen, sondern auch Crepes, Sandwiches, Philly Cheeze Steak Sandwiches, Wraps, Salate und spezielle Frühstücksortimente. Ein Muss in der <strong>Lower East Side</strong></em>. 

 

New York City/Ellis Island, 15.10.2007

Nun mache ich es doch. Die Warteschlange zur Fähre zur Freiheitsstatue und <strong>Ellis Island</strong> ist ein ganzes Fußballspiel lang. So versuche ich mir also als Wartezeit verschenkte Lebenszeit schön zu schreiben. Und es geht noch besser: Einen Tag zuvor wäre sie zwei Fußballspiele lang gewesen. Untern Strich also gut gepokert.<br>Trotzdem ringelt sich die Schlange durch den halben <strong>Battery Park</strong>. Während früher die Massen auf <em>Ellis Island</em> sich ihr Leben in den Bauch standen, um nach Manhattan übersetzen zu können, stehen hier nun Leute aus aller Welt, die beten, dass die Wartezeit nicht doch länger wird als angesagt, damit sie möglichst schnell zu der Fackelfrau können.<ul>

Nach etwas über einer Stunde hat sich die Schlange gehäutet, ich stehe ich auf dem Oberdeck der Fähre und versperre nahe der Reling denjenigen die Sicht, die sich vorher so freuten, einen Sitzplatz zu haben. Die Fotomanie ist gewaltig, sobald unser Schiff Manhattans Skyline klein genug für ein Foto gefahren hat. Das es nicht nach hinten überkippt von all den Menschen, die auf drei Stockwerken nach hinten rasen, um ein Foto zu bekommen, dass sie eh überall auf der Welt sehen und kaufen können.<br>

<em>Gilles Deleuze</em>, aber auch <em>Paul Virilio</em> schrieben einmal über die Veränderung von Erinnerung seit dem Siegeszug der Kamera. Erinnerungen würden immer mehr an die Maschine delegiert, damit auf ein Bild reduziert, das immer wieder angeschaut und vor Freunden und Verwandten kommentiert Erinnerungsspeicherungen zurichtet und verkürzt. An diesem Tag sind vereinheitlichte Erinnerungsprozesse spürbar, gefördert durch die Schneisen, die die Fähre dann auch noch schlägt, um das ‘beste’ Foto von <strong>Liberty Island</strong> mit der Freiheitsstatue zu provozieren.

Und dann überall die Deutschen, die man nicht von den Hacken bekommt, egal wohin man reist. Nachdem Fall der Mauer hat sich das Risiko quantitativ ja noch erhöht, einem Kartoffelbruder über den Weg zu laufen. Sie beschweren sich über unsortiertes Anstehen: Überhaupt fallen mir in der letzten Zeit Deutsche gern dadurch auf, dass sie den Satz sprechen: Bei uns wäre sowas nicht möglich“

, den sie nicht positiv staunend, sondern identitär abgrenzend benutzten.<br>

Ich habe in der Warteschlange <em>Pandaro</em> aus Rio de Janeiro kennen gelernt und bin dem Landsmannfluch entwichen. Zwar wird mir <em>Pandaro</em> demnächst mit sehr vielen Freiheitsstatuenfotos die Email-Box zerschießen, aber immerhin haben ein Brasilianer und ein Deutscher quasi einen ganzen Tag zusammen verbracht und nicht einmal über Fußball geredet.

Die Freiheitsstatue sieht übrigens so aus, wie immer und ich überlasse anderen die Diskussion um die Einwanderungspolitik der USA, die alle, Amerikaner und andere führten, als sie auf <em>Liberty Island</em> mit dem Satz von <em>Emma Lazarus</em> konfrontiert wurden, indem sie die Statue alle Verfolgten, Außenseiter und Ungewollte zur Einreise einlädt:

“Give me your tired, your poor,

Your huddled masses yearning to breathe free,

The wretched refuse of your teeming shore.

Send these, the homeless, tempest-tost to me,

I lift my lamp beside the golden door!”

Wenn ich es später auf <em>Ellis Island</em> richtig gesehen habe, ist immerhin 98% der Ankommenden die Einreise bis zur  Schließung der Einrichtung 1954 gewährt worden. Zeitweilig kamen bis zu 50% aller in die USA Eingewanderten hier auf <em>Ellis Island</em> an.

Ach, der Pathos Amerikas. In der Rezeptionshalle packt es mich schon, als sich mögliche Szenarien Straßen in meinem Kopf bauen. Überfüllung, die Lautstärke der ewig Wartenden, die eine monatelange Schiffsreise hinter sich hatten und nun hofften, nicht wegen Krankheit, „Geistesgestörtheit“

 abgelehnt wurden, oder weil sie als Kommunisten oder Anarchisten eingestuft wurden. So sind dann die Museumsgestalter in einem Raum dann auch heute noch stolz darauf, die ach so gefährlichen Anarchisten <em>Emma Goldman</em> und <em>Alexander Berkman</em> über <em>Ellis Island</em> in die Sowjetunion abgeschoben zu haben. Immerhin haben wurden sie nicht wie <em>Joe Hill</em> und andere Mitglieder der Gewerkschaft Industrial Workers of the World gleich vor Ort standrechtlich erschossen oder von Fundamentalchristen geteert und gefedert, oh Lord.

Auf <em>Ellis Island</em> bin ich heute wohl der erste und einzige Fefczak aus Europa. Meine Brut hat es bis hierhin nicht geschafft, oder hat anderswo versucht, ein zu reisen. Von Kanada weiß ich es, wo Fefczaks bzw. inzwischen <em>Fefchucks</em> es in einen ansehnlichen Mittelstand geschafft haben. Doch Vorfahren, die ansonsten seltenen Nachnamen meiner Großmutter oder den meines biologischen Erzeugers tragen, gibt es dennoch im Archiv der Insel – ich bin erstaunt.

Abends bin ich der erste und einzige Fefczak im <strong>Sidewalk Café</strong> in der Avenue A im East Village, wo der Konfrencier <strong>Lach </strong>seinen berüchtigten <strong>Antihoot</strong>-Tag austrägt. Vorher angemeldete Bands dürfen ein bis zwei Lieder spielen und so auf sich aufmerksam machen. Nachdem das <em>Sidewalk</em> die <strong>Moldy Peaches</strong> berühmt machte (aus denen dann später Adam Green hervorging und zum Spinner mit homophoben Anwandlungen verwelkte), trägt das Café den Zusatz „<strong>Home of AntiFolk</strong>“

 im auf der Bühnenplakette. Und so wirkt der Abend auch etwas routiniert, die Ansagen von <em>Lach</em> kommen längst nicht so überraschend selbstironisch, wie mir erzählt wurde, sondern typisiert und redundant.

Mir gefällt, dass ich mit 35 meinen Ausweis vorzeigen muss, um ein Bier zu bekommen. Das hält jung. Die Bands hier alle zu erwähnen, gar einige hervor zu heben, dafür bin ich zu faul und außerdem würde das noch mehr Namedropping bedeuten, als dieser Blog eh schon ist.<br>

Deshalb gleich weiter droppen: Ich verabschiede mich schon um Eins bei <em>Lach</em> und fahre nach <strong>Bushwick</strong>, wo ich mich entgegen meiner ersten Ängste sicher durch die Nacht in mein Bett bringe.

 

 

Brooklyn, Bushwick, 14.10.2007

Noch bin ich schuldig, mindestens eine oder zwei Geschichten aus Philadelphia lang. Wie ich vom Hafengebiet <strong>Penns Landing</strong> stadteinwärts die Olde City durchkreuze, um dann einen Haufen Sehenswürdigkeiten mitzunehmen, z. B. die <strong>Liberty Bell</strong>, die zur erstmals verkündeten Unabhängigkeitserklärung bimmelte, später das Ende der Sklaverei einläutete. Sie steht gegenüber der niedlichen <strong>Independance Hall</strong>, die angesichts der Hochhäuser heute wirkt wie ein Zeitungskiosk. Dabei wurde in ihr erstmals die Unabhängigkeitserklärung unterzeichnet und verlesen. Ich muss noch erzählen von den Iren, die wie ein menschenunwürdiger „Tribe“

 behandelt wurden, nachdem sie ankamen. Vom <strong>Betsy-Ross-Haus</strong>, in dem eben Mrs Ross lebte, die die erste uns bekannte US-amerikanische Fahne strickte. Und klar, von <strong>Benjamin Franklin</strong>, dem Übervater Philadelphias, der mit zehn in einer Seifenfabrik arbeitete und schon mit 14 Jahren die Schwimmflügel erfand und später in seinem Leben noch viel wichtigere Dinge tat.

Eine andere Geschichte wäre, wie ich im A-Space beim veganen Brunch die amerikanische Anarchistenszene nicht nur aus Büchern erlebte. Warum ich den <strong>Trödelmarkt im Clark Park</strong> an der Baltimore Avenue von nun an dem Boxhagener Trödel im Friedrichshain vorziehe. Wie Elsa und ich das <strong>Kingdom of Vegetarians</strong> in Chinatown leer aßen. Vom Green Line Café, vom Punkschuppen Fiume und dem Italo-Bierverkäufer, der begann, mich wieder zu erkennen, am Abend bevor ich nach New York aufbrach.

 

All das werde ich Anfang Dezember ausführlicher hier erzählen, wenn ich von meiner wieder nach Philadelphia zurück kehre. Denn seit heute bin ich unterwegs, allein bis 6. Dezember. Erste Station New York City. Mit dem Chinatwon-Bus geht es morgens von Chinatown Philadelphia nach Chinatown New York, East Broadway. Für zehn Dollar im weichen Komfortsitz innerhalb von Dreistunden nach NYC, was will man mehr.

Wie sonst bei Spielen gegen die Bayern, beginnt die Auswärtsfahrt: völlig untrainiert, aber respektlos. Restängste habe ich schon zuvor ins Hinterhirn gespült, indem ich schlichtweg keine Pläne gemacht, mir nicht den Reiseführer und die Karte angeschaut habe, den meine Freundin Tanja mir in Berlin zugesteckt hatte. Erwähnte ich eigentlich schon, dass es mein erstes Mal USA ist? Aber hey, im letzten Jahr hatte ich die Vororte des viel größeren Sao Paulo zwischen den <strong>Hooligans von Corinthians</strong> überlebt. <br>

Laufe vom East Broadway in Chinatown siegessicher bis Canal Street, dann den Subway Downtown. Zuerst will ich den Feinden ins Gesicht sehen. Damit ich weiß, wo ich stehe. Wall Street wegen des bösen Kapitals und so, danach und fast daneben das Loch, das die anderen Bösen hinterlassen haben, <strong>Ground Zero</strong>.<br>

Da ich eine Haltestelle verpasse, lande ich im <strong>Battery Park</strong> und so soll entgegen meines Fast-Schon-Planes die Freiheit das erste sein, das ich von NYC sehe. Eine Fähre fährt ab und macht den Bick frei. Klar da hinten ist sie, die Freiheitsstatue, im bekannten Schimmelgrün. Ihre abgewendete Haltung ist mir sympathisch, scheint sie vor NYC doch genau so wenig Achtung zu haben wie ich. Aber auch mir wendet die Freiheit fast schon den Rücken zu. So kurz hier und schon soviel Symbolik ;-) Aus Rache will ich nicht mit der Fähre zu ihr rüber setzen, meine Suche nach Freiheit ist doch noch lange nicht beendet, meine Reise fängt doch jetzt erst richtig an. Noch mehr Symbolik, kitschig.

Fast wäre ich dran vorbei gelaufen. Schräg hinter der Kirche des St. Paul ist die Baustelle World Trade Center. Das übertriebene Abfeiern der Feuerwehrleute am <strong>Ground Zero</strong> stört mich keineswegs daran, die allen bekannten Bilder nochmal in Trauerflor in meinem Kopf umherlaufen zu lassen.

Als am 11.9.2001 die Türme einstürzten, saß ich mit Carsten vom <em>Übersteiger</em> und Ronald von <strong>BAFF</strong> am Layout der <strong>BAFF</strong>-Wander-Ausstellung Tatort Stadion. Endi rief völlig fertig an und meinte, das jetzt der dritte Weltkrieg anfängt. Von Osama bin Laden hatten wir zu diesem Zeitpunkt noch nie etwas gehört. Immer wieder krachten diese Türme im TV ein, drei Tage lang. Dann gaben wir das Layouten endgültig auf. Nicht mal die von Carsten letztendlich einzige layoutete Tafel – die berüchtigte Mayer-Vorfelder-Tafel, mit Zitaten und Taten des ehemaligen DFB-Präsidenten, die in ihrer Aufzählung die Ausstellungsbesucher fragten, ob er noch alle Tassen im rechten Schrank hat – wurde in dieser Zeit fertig. Am 11.9., dem Geburtstag von Theodor W. Adorno und Franz Beckenbauer.

Nach einem schnellen Gang durch die Wall Street mit der größten mir je zu Gesicht gekommenen USA-Flagge an eine Wand der Börse genagelt, wurde mir dann wohl meine am Rucksack befestigte Trainingsjacke geklaut, an der mich Freund und Feind nun schon seit Jahren von weitem erkennen können.

Na ja, es ist eine Ersatzjacke, denn die echte ging vor knapp drei Jahren verloren. In „Fußball vs. Countrymusik

  habe ich vergessen zu erzählen, dass diese mir so wichtige Jacke an dem Abend verschwand, als ich mit meiner einen Tag alten Liebe in Brighton zum Konzert der grandiosen Kimya Dawson ging. Als müsste ich Kimya als Zollmutter mit meiner bisherigen Haut bezahlen, um in eine neue Liebe zu gehen, tauchte die Jacke nicht mehr am Tresen auf, an dem ich sie abgegeben hatte.Das alles geht mir in Manhattan durch den Kopf, als mir irgendwo an der <strong>Brooklyn Bridge</strong> kalt wird, weil der Herbst die hartnäckige Schwüle endgültig in die Flucht geschlagen hat. Egal, ich muss nach Brooklyn, auf die andere Seite, die nach dem Niederländer Breukelen benannt ist. Genauer gesagt ins etwas rauere <strong>Bushwick</strong>, wo ich die Schlüssel für die Wohnung abholen soll, inder ich noch nicht heute Nacht, aber ab morgen bleiben kann. Denn Johnny ist mit seiner Band <strong>The Wowz</strong> auf Europatour, auch ein wenig durch Deutschland. Seine Frau Julie La Mendola öffnet mir die Tür, von der ich nicht wusste, dass sie sein Frau ist. Ich kenne Julie von der Band <strong>Ching Chong Song</strong>, die – wenn so etwas möglich ist  - die auf musikalischer Ebene die dekonstuktivistische Quintessenz aus Bertolt Brecht und Antonin Artaud sind. Genau so unterschieldich wie die beiden, und genau so umwerfend. Julie bricht ihre wohl geschulte, Saal sprengende wie clubfesselnde Stimme mit abrupter Vollbremsung und quietschenden Reifen im sinnbildlichen,  sowie einer Atmen, Aufschrei und singender Säge in tatsächlichem Sinne. Das macht sie immer dann, wenn es niemand erwartet und deshalb macht sie es richtig. Begleitet wird sie dazu mit viel am mit Eigenhumor polierten Keyboard. Während die erste Erfahrung mit Ching Chong Song (www.myspace.com/chingchongsong) nur per CD ernüchternd verlaufen könnte, sind gehören die zwei Auftritte, die ich in der Berliner Hotelbar und woanders sehen durfte zum Besten, was ich 2006 gesehen habe. Und dabei kompromissloser, als ich Punkrock seit einem Jahrzehnt erlebt habe.

Genau so lebt Julie auch. Ihre Wohnung ist das, was ich seit einem Jahrzehnt in diesen halbbesetzten Häusern suche, wohlig schnodderig verranzt im sympathischen Sinne, zum Reinlegen und wohl fühlen, mein Herz schlägt höher. Zweimal wurde die Bude vor einiger Zeit leergeräumt, von Ganoven, die ein Herz für <strong>Ching Chong Song</strong> und <strong>The Wowz</strong> hatten, weil sie Instrumente und Equipment da ließen, und nur Juwelen und Computer mitnahmen. Den Schlüssel will Julie mir aber trotzdem draußen in der Gießkanne verstecken, weil sie kein anderes Set mehr hat.

Ja, wenn ich im Halbdunkeln dann draußen noch die fetten Autos mit ihrer jeden Städtesound killenden Rapmusik vorbei zischen höre, muss sich das europäische USA-Greenhorn schon zusammen reißen, damit die Bilder, die das TV mit Filmen und Dokus ans Vourteilshaus nagelt, nicht die Überhand gewinnen. Durch <strong>Bushwick</strong> müssen ich und mein neues Laptop in den nächsten Tagen durch, noch dazu erstmal ohne Jacke. Ohoh, das geht ja gut los in New York City: Die Freiheit mag mich nicht anschauen, irgendwie gefährliches Neighbourhood (zumindest aus der Sicht eines unbeholfen europäischen Rookies), Schlüssel in der Gartengießkanne versteckt, Jacke weg.

Moment mal, vielleicht habe ich sie in diesem Café liegen… Ich nehme den L-Train bis Union Square und steige um in Richtung Café, in dem es noch nicht mal kabeloses Internet umsonst gibt, wie überhaupt so gut wie gar nicht in NYC – ein Desaster für einen 2007 mit Löchern in den Taschen Reisenden. Ganz im Gegenteil zu Philadelphia – du schöne erste Hauptstadt der USA. Dafür gibt es in New York City durchaus schmackhaftes Leitungswasser, zumindest wenn man nach dem niemals kalten Chlordreck aus Phillys Leitungen sich noch Schlimmeres vorstellte. Wie viele Ratten waren es nochmal pro Einwohner?

Drei Stunden nach dem Kaffee bin ich also zurück und ich muss noch nicht einmal vorn fragen: Meine Traininsjacke hängt noch genau dort, wo sie war. Meine zweite Haut ist wieder da und mir ihr mein Selbstvetrauen.

Ich ziehe zu Fuß bejackt los Richtung Allen Street/Ecke Rivington, zwischen Little Italy und Lower East Side. Bevor ich im <strong>Buchladen Blue Stockings</strong> einen anarchistischen Singer/Songwriter anschaue, will ich noch sehen, wie passend zum familiären A-Space in Philly hier das ehemals besetzte ABC No Rio in der Rivington Street</strong> aussieht. Heute zahlen die dort Lebenden und Arbeitenden in einen Topf, vom Hausbesitzerkollektiv ausschließlich für Renovierungen und Tagesbetrieb genutzt wird.

Im ABC No Rio wühlen im Infotischwüst des Treppenhauses findet mich Suckzoo, ein Koreaner, der seit zwei Jahren in New York Computerdesign studiert und hier im ABC No Rio das Fanzine-Archiv sortiert, bevor er wieder nach Korea geht. Eine Sekunde später reden wir über Hardcore aus Deutschland und als ich noch eine Sekunde später meine HC-Freunde von Telemark aus Duisburg erwähne, knallt die Stahltür neben uns gegen die Wand auf, herein strampeln zwei Jungpunks aus Long Island. Was hier geht, und sie seien doch nur für den einen Abend da. Justin und Erik sind nett, besonders Justin wird nach den schnell verdrückten Colt-Irgendwas-Bieren im Laufe der folgenden zwei Stunden aber immer hibbeliger, lauter und letztendlich nerviger. Unentwegt will er mir „

 Five” geben, mich in Europa besuchen, um das zu finden, was Suffpunks seit je her suchen: Billiges Bier und eben solche Frauen, wie er sagt. Nur die Geschichte des Sports in den will es, dass mir die platten drei FFFs erspart bleiben.

Das ABC No Rio ist ein Platz, wie ich ihn brauche, mit frei Internet und freien Snacks für Wanderer, mit Oldpunks, die im Konzertsaal freejazzen, mit freiem Bier, dass einem die Jungpunks aus Long Island hinstellen, weil ich der erste „echte“

 Deutsche bin, den sie sehen. Na danke. Einfach gehen will ich nicht, weil Suckzoo aus Korea furchtbar nett, clever und mir eine große Hilfe ist.

Als ich erzähle, dass ich weiter über den Buchladen Blue Stockings weiter in die in der Knitting Factory im Stadtteil Tribeca mit längerem Fußmarsch durch einen Teil Chinatowns will, hoffe ich, dass ich die beiden los werde. Doch der Nervige lallt nur was von „Scheiß Chinesen, sehen doch alle gleich aus“ und will trotzdem mit. Wir ziehen los, ich erspare suffpunkige Einzelheiten des Kollegen, die ich nur nicht ignorieren muss, weil sein 18jähriger Kumpel mich in seinen überraschenden Nietzsche-Dialog verwickelt. Dabei erzählt er mir, dass er wegen Drogenhandel nächste Woche für ein halbes Jahr in den Knast muss. Deswegen würden sie jetzt nochmal ordentlich einen Drauf machen, meint er. Und sein alkoholbehämmerter Kumpel schifft währenddessen an einen Stahlträger der Subway, die wir nun doch nehmen wollen: „Nishshe is a mtherfucka, man!“

 

In der Knitting Factory in der Leonard Street löst sich mein Problem von selbst. Es gibt drei Ebenen mit dreimal Eintritt. Während ich die zwei zielsicher in den Punkraum oben rennen sehe, erfahre ich, dass die CD-Release-Party der Passenger Pigeons in der kleinen Bar in Keller stattfindet. Zwei Punks aus Long Island werden sich demnächst CDs von Telemark aus Duisburg bestellen, und ich hab mein Ruhe.

Passenger Pigeons sind ein queeres Zweierlei , das zweistimmigen Antifolk mit einer Gitarre macht. Zum warm Werden inszenieren Andrew und Rachel von den Pigeons ein Tee trinken, und sich selbst als seit zweihunert Jahre verheirateten Pärchens. Während Andrew diesen Gag mit immer neuen Einelheiten der Ehe den gesamten Auftritt lang durchhält und gelangweilt dazu mimt, gibt Rachel , nickend und stimmlos seufzend das Ehefrauenklischee.

Hinter mich setzt sich während des ersten Songs Dan Fishback auf den Boden, der mit Cheese on Bread die einzig wahren Moldy Peaches-Nachfolger stellt. Dan schreibt nicht nur die Songs, sondern gibt ihnen durch sein queeres Autreten und Muppet-Show-Anleihen ein Patchwork, das man so umwerfend fröhlich und hochhausintelligent erstmal zusammen setzen muss. Bei Dan werde ich heute Nacht auf dem Fußboden übernachten, bevor ich morgen in Johnny und Julies Wohnung kann. Noch vor einiger Zeit habe ich ihm solo einen und seinen Cheese on Bread-Mitstreitern Sara und Kevin als countryesken Homesick Elephant einen Auftritt im Neuköllner Syndikat besorgt –

daher kennen wir uns.Es wird ein schöner Abend mit Dan und seinem Kollegen, dem Singer/Songwriter Dave End, der nach unauffällig nahrungslosem Tag bei viel Burger und Pommes an der Lorimer Street in Williamsburg/Brooklyn endet. Und so beschließe ich auch diesen Eintrag auch mit Worten, die schon meinen ersten Schulaufsatz beendeten: Ein ereignisreicher Tag geht zuende. 

 

Downtown Philadelphia, Defiance, Ohio & Co, 7.10.2007

Der Bus 21 bringt mich die ganze Chestnut Street runter, bis hin zu Penns Landing, den Piers am Fluss Delaware. So weit muss ich heute aber nicht, denn die <strong>First Unitarian Church</strong>, in der gleich <a href=”http://defianceohio.terrorware.com”><em>Defiance, Ohio</em></a> spielen, liegt schon vorher, in der Nähe der 21th Straße.</ul><ul>

Auf dem Weg dorthin denke ich daran, wie oft ich bisher auffiel, ohne auffallen zu wollen. Wie viele Leute haben mich angesprochen, weil ich scheinbar irgendwie anders aussehe? Nicht nur weil ich oft nicht zielstrebig genug bin und stehen bleibe <em>(Dann erklärt mir fast immer einer sofort, wo ich lang muss oder zeigt mir unaufgefordert, wo Norden und wo Süden ist)</em>. Nicht nur, weil Leute insgesamt ‘riechen’, dass ich nicht von hier bin, so wie ich in Berlin Touristen an ihrem Verhalten erkenne. Einige derjenigen, die mir nicht wie die meisten zuvorkommend und freundlich irgendeinen Weg erklären wollen – egal ob hellhäutiger Jungstudi in <em>University City</em> oder Dunkelhäutiger aus dem ärmeren Teil um <em>Osage Avenue</em> in West Philly -, heben ihre Finger in Richtung meines roten Dreadlocks und fragen gleich ohne Hallo zu sagen: „What’s that then?“.<br />Manche Fragesteller kommen nach dem dritten Nachfragen gar nicht mehr aus ihrem anerkennenden <em>„Wow“</em> heraus, weil es sich <em>„really“

   </em> um mein eigenes Haar handelt. Ohne mehr von mir zu wissen laden sie mich auf ein Bier zu sich nach Hause ein. Bin mir allerdings nicht so ganz sicher, ob ich demnächst die an der Ampel oder Supermarkt-Kasse auf Einkaufsbons gekritzelte Adressen aufsuche, nur weil ich eine rote Haarsträhne habe.</ul>

Menschen aller Hautfarben gehen vor mir auf die Knie, nur weil ich an diesen phillyüblichen, vielen Straßenecken stehenden Silberblechwagen für ein Falafel-Sandwich anstehe. Sie schauen zu mir hoch und fragen: „Where did you get these shoes, man?“

   <br />

Meine Schuhe sind vegan und von <a href=”http://www.vegetarian-shoes.co.uk”>Vegetarian Shoes</a> in <em>Brightons North Lanes</em>, direkt am Fuße des Hügels, der direkt neben <em>Brightons</em> viktorianisch verschnörkelter Kopfbahnhofhalle hoch zum Maisonette meiner Liebsten direkt unter dem stets seemöwenvollen Himmel führt.<br />

Einige wollen also wissen, wieso Schuhe vegetarisch oder vegan sind, andere waren vegetarisch Interessierte, die keine von chinesischen Kindern hergestellte und mit Tierklebe verleimten Billigplastikschuhe mehr kaufen möchten, einer von ihnen ist ein junger Schuhdesigner, der meinen Schuh fotografiert.<br />In Gedanken könnte es einen leicht in die in Europa grassierenden Vorurteile um amerikanische Uniformität, Konformität und Alternativlosigkeit zurück katapultieren.<ul>

Egal jetzt, habe ich in Gedanken die Busstation an der 21sten verpasst und ziehe schnell Leine. Das ist nicht so daher gesagt, denn in Philadelphias Bussen zieht man wirklich Leine, wenn man austeigen will. Die Leinen wiederum ziehen sich vom Fahrer über die Fester bis ganz nach hinten, damit jeder Fahrgast zum Zug kommt.</ul>

Aus dem Bus gefallen kann ich das vorher Gedachte sofort vergessen. Um die <strong>First Unitarian Church</strong>, säumen sich nicht nur andere Kirchen, wie es sich in der „city of brotherly love and religious freedom“

 gehört, sondern auch und noch näher ein Flaum junger Leute, die so gar nicht uniform sind und mich mit meiner roten Locke (endlich?) aussehen lassen, als käme ich direkt aus Konformia: amerikanische Jungpunks und Antifolk-Hipsters.

Sie sitzen auf dem Bürgersteig und leeren ihre Wasserflaschen in der viel zu schwülen Oktoberhitze von Downtown Philadelphia, bevor sich die Tore der Unitarian Church öffnen. Ein surreales Bild. Sie liefern den nötigen Chaoskontrast zu einer so durchdesignten Gegend mit ihren hellsandigen Häusern. Sie geben mir nach den <strong>Mekons</strong> zum zweiten Mal das Gefühl, anzukommen.

 

Unten im großflächigen Kirchenkeller übersteigt der missionarische Drang auf komische Weise das, was ich vergleichbar von Daniel Johnston in der Berliner Passionskirche und dem famosen <strong>Micah P. Hinson</strong> in der <strong>Union Chapel</strong> in London kenne. Während dort nichts kirchliches außer dem Ort selbst passierte, mischen sich hier in der Unitarian Church tolpatschige Presbyter unters Publikum und quatschen es an: „Our church is the most open minded, man. Even if you’d say to me: ‘Jesus was an asshole’, you know, I would say: ‘Hey, it’s okay, feel welcome, dude’!“ Mit etwas zu sehr imitiertem <strong>Henry Rollins</strong>-Hardcore-Gehabe vertreiben Station die religiösen Rattenfänger, damit die hervorragenden <strong>Bread & Roses</strong> aus <em>Allston</em> bei Boston/Massachusetts sie wieder in die Menge locken. Diesmal aber, um sie mit rockabillyartig-bluegrassig-straighten Country-Songs wie „<strong>Making Punk a Threat again</strong>“ (gegen Punk-Normen) oder „<strong>Buried in Business Casual</strong>“ (gegen ein „Nine-to-Five“-Leben) im Mitwippen ihre religiöse Maske vergessen zu lassen. Den zu Momenthillbillies gewordenen Pfaffen ist es am Schweiß und der Fröhlichkeit anzusehen, dass es ihnen nach dem Gig weltlich gesehen verdammt gut geht, während sie sich vorn in dem drängelnden Kloß um den Merchandise-Tisch den weit mehr als den Sattel zum Pferd empfehlbaren Langspieler „<strong>Deep River Day</strong>“

 kaufen (erschienen übrigens beim lokalen Label <strong>Fistolo Records</strong>, das seine Hütte im leicht nordwestlich gelegenen Stadtteil Upper Darby hat).

Seit den <strong>Waco Brothers</strong> ist purer Alternative Country nicht mehr so schmutzig und so nah dran an einem vorbei gerollt, dass man sich hinterher nicht ganz sicher ist und seinen Körper absucht, ob der Hillbillie-Frachtzug gefüllt mit Brot und Rosen einem irgendwelche Gliedmaßen abgeschnitten hat oder nicht.<br>

Gliedmaßen absuchen – dass haben viele Wanderarbeiter früher getan, wenn sie als Hobos beim Springen auf einen fahrenden Zug zur Arbeit in eine andere Gegend die Trittleiter verpassten. „<strong>I never hopped a Train</strong>“

 gestehen <strong>Bread & Roses</strong> in einem ihrer Songs. Trotzdem kann man sie sich mit ihrem hoch aufstehenden Kontrabass und dem ein wenig zu stimmlos daran zupfenden Hauptsänger, ihrem beglatzt wie bärtigen, nasenberingten Geiger, ihrem schmalzlockigen Akkustik-Gitaristen und dem zentral aufgebauten Mandolinenschlacks locker auf der Bühne in einem der dreckigen Flophouses vorstellen, in denen die Hobos des beginnenden 20. Jahrhnderts für ein Paar Cent und ein wenig Arbeit zu übernachten pflegten.

Dann kommen <strong>Defiance, Ohio</strong> aus Bloomington in Indiana, das wohl heißeste, was der punk-countryeske DIY-Untergrund in en USA derzeit zu bieten hat. Und ich erlebe ein Punk-Konzert, dass so communitystiftend überschwenglich und zugleich offen ist, wie ich noch nie zuvor ein europäisches gesehen habe <em>(Sorry für all die Superlative in diesem Blog, ich werde das zu gegebener Zeit analysieren). Defiance, Ohio haben seit ihrer letzte Platte „The Great Depression“

 von 2005 nichts Abendfüllendes mehr aufgenommen, weil sie moderne Hobos sind, die keine Zeit für mehr haben. Sie reisen seit 2003 in ihrem Bus von Konzert zu Konzert und einige Scharfschützen unter euch werden sie vielleicht auch schon auf dem ein oder anderen Flyer in Deutschland erspäht haben.

Ihre Songs sind alle online frei downloadbar, ihre Vinyls und CDs kosten bei Konzerten gleichermaßen nur 6 Dollar, T-Shirts 10 Dollar. Umsonst oder gegen Spende gibt es gesiebdruckte Aufnäher, weil die Band nur den Sprit in den nächsten Ort und was Veganes zu beißen braucht.

Defiance, Ohio sind nicht antiamerikanisch, weil sie gar nicht wissen können, was das aus Sicht von oftmals Augen öffnenden, aber manchmal zu vereinfachenden Hardcore-Antideutschen heißen könnte (Übrigens und an dieser Stelle ein Klares: Lang lebe Israel!).

Als vegane (und per definitionem antinationale) Anarchisten beobachten sie nicht zu verleugnende Lebensumstände in ihren direkten Auswirkungen und auf die Menschen in ihrem Umfeld, sie helfen Netzwerke bilden, die so jenseits wie möglich vom Mainstream funktionieren, weil sie die Utopie eines „anders leben wollen“

 vor sich her kugeln. Sie bringen sozusagen den eigenen Müll runter. Mit antidiskriminierender Güte und Ergriffenheit für ein freies Leben. Das macht sie nicht zu verkürzten Kapitalismuskritikern, sondern zu einer sehr schmackhaften Zutat in einem Gumbo-Gemisch, in dem jede Zutat eine wichtige Aufgabe zu erfüllen versucht.

Als das Konzert vorüber ist und ich mich für einige Stunden von Ryan und dem anderen Defiance, Ohio-Mob verabschiede, erahne ich, was mich vom 26. ist 28. Oktober beim Fest 6 in Gainesville/Florida erwartet. Ich bin verzückt und preise das Jahr 2007, das auf seine Art bislang vielleicht das beste meines Lebens ist.</ul>

Sagte ich, dass ich, dass ich mich „für einige Stunden“

verabschiede?

 

Okay, Reprise: Bleibt zu erwähnen, dass das hier maßlos über den Klee gelobte Konzert bereits um 14 Uhr stattfindet, als draußen eine bereits seit Tagen herrschende 36-Grad-Schwüle die Rüben zermartert. Nach dem Ende des Konzerts um 17:30 hetze ich über den bildschönen Rittenhouse Square, einer von Hochhäusern wohl behüteten, rundlichen Grünfläche über die Walnut Street weiter östlich durch ein immenses Straßenfest von Homo-, Trans- und Intersexuellen, das sich über mehrere Blöcke und Straßen hinzieht.

Am Ende des überbordenden Eindrucks- und Gefühlschwalls dieses bisherigen Tages treffe ich am Abend meine Liebste in Chinatown, 9th/Ecke Cherry Street. Und das Ende ist, dass der Tag endlos wird. Denn dort in Chinatown, im New Harmony Vegetarien Restaurant gibt es nicht nur einen unvergesslich guten All vegan & all you can eat-Brunch, der mich zurück in Deutschland sicher glauben machen wird, ich hätte ihn herbei halluziniert. Nein, auch Defiance, Ohio spielen um 10:30pm noch einmal hier im New Harmony, diesmal mit der lokalen DIY-Größe Mischief Brew (über die ich demnächst schreiben werde).  Nachdem sich die ganze Bande –

 zum zweiten Mal nach dem Sitzen vor der Kirche ein surreal bewegendes Bild malend – durch das bourgeois gefüllte Buffet gefeinschmeckt hat, quetscht sie sich ins Basement. Es ist klein und stickig, völlig überfüllt mit Leuten, ideal um Welten und sich selbst neu zu erfinden. Und vielleicht, ich bin nicht sicher, bin ich jetzt noch dort.

 

 

Philadelphia, 50th/Osage Avenue, 6.10.2007

Rund um Osage Avenue in West Philly, exakt da, wo in den Achtzigern bei Street-Riots die Häuser brannten und allein im letzten Jahr 51 Leute abgestochen wurden, leben wir zwischendurch bei einer allein erziehenden Frau mit hispanischen Roots, die gern ihre dreijährige Tochter abends allein lässt, nachdem sie sie zu Bett gebracht hat. Das tut weh.

 

Wieso muss ich immer alles auf mich beziehen? Als ich zum ersten Mal als Kind in einer leeren Wohnung wach wurde, war es lynchig, david-lynchig. Ein Schock, der mich prägen sollte. Meine Mutter war weg gefahren, um meinen Stiefvater von der Arbeit abzuholen. Ohne mich einzuweihen oder jemanden auf die Couch im Wohnzimmer zu setzen.

Mein Dad hatte Spätschicht in einer Konservenfabrik, wo er Paletten mit Konserven auf einem Stapler durch die Gegend hob. Irgendwie musste das Geld ja rein kommen. Und was blieb einem grundehrlichen Menschen übrig, der früh seine Schule beenden musste, um auf dem Land der Eltern zu helfen und nichts für seine Zukunft konnte.

 

Ich wurde wach und merkte sofort, dass trotz laufendem Fernseher und Licht im Wohnzimmer etwas nicht stimmte. Ich war allein, ohne zu wissen, was das ist. Die leere Wohnung und das gedimmte Licht erzeugten ein Bild, als wären meine Eltern aus dem Zimmer in eine andere Zeit oder ein anderes Filmfenster weggeknipst geworden. Ich muss nicht weinend, sondern heulend durch die Wohnung gesprungen sein, zu meiner Oma im zweiten Stock konnte ich nicht, weil die Türe abgeschlossen war.

 

Es war im vierten Stock und ich konnte die Straße sich im Dunkeln auf mich zuschlängeln sehen, die Laternen Spalier stehend. Bei jedem Lichterpaar, dass ich nach der ersten Kurve entdecken konnte, flehte ich, es wäre der Wagen meiner Mutter. Aber er war es nicht. Im Bett verkrochen und an die Decke starrend, begann sich alles zu bewegen, was zuvor noch bewegungslos war. Teddybären und Co, die auf den Schränken saßen, konnten sich nicht dagegen wehren, plötzlich creepy und spooky zu werden, vom Bösen ergriffen. Das Kinderbett mit den Gittern, dass ich immer noch hatte, wurden zum Gefängnis. Und wenn mein Kollege Franz Dobler in einer Geschichte beschreibt, wie seine Mutter ihm am Sterbebett sagt, dass jeder Mann mindestens einmal in seinem Leben im Gefängnis gesessen haben sollte, dann hatte sich das für mich in diesem Moment bereits erledigt.

 

Ich weiß nicht genau, wie sich dieses Erlebnis auflöste. Aber ich weiß, dass es mein Verhältnis zum Allein sein tief störte. Es ist noch immer schwer, allein zu sein. Und als meine erste Freundin, mit der ich zusammen lebte, sich abends davon machte, um allein auszugehen, dachte ich, es sei Eifersucht. Und als ich mich dabei erwischte, wie ich bei jedem sich nähernden Motorengeräusch ans Fenster eilte, verwischte sich die Szene hin zu meiner Kindheit, wie ich diese Schlangenlaternenstraße nach dem Wagen meiner Mutter anflehe. Und es war klar, dass es weniger um Eifersucht als um diese Urszene der Alleinsamkeit ging.

 

…But I’m too scared to tell her,

how crazy i can get sometimes.

I’m looking at the moon

shining on the snow – ohohohoh

and everything was blue – uhuhuhuh

except the Christmas lights.

I never feel better, after I cried.

I spent six months of my life

just wanting to die.

I’m learning how to be alone,

without being lonely,

learning how to be lonely

without losing my mind…”

Und auch, wenn es mir heute schnurzpiepgal ist, wo meine Mitmenschen ohne mich hingehen, ist mein ständiges Reisen allein immer ein der Straße hinterherschlängeln, eine Konfrontation mit dem Trauma. Und ich überkomme es immer ein wenig besser.

Diesem Kind nebenan, hier in der Osage Avenue, wünsche ich sowas nicht. Und wenn ich sie flehend weinen höre, wenn wir vom Bier holen nach Hause kommen, dann weiß ich, dass sie weiß, dass niemand mit ihr da ist.

Tipp: Das neue Album „Grand Ledge (2007) meines dear friends Paul Baribeau (www.myspace.com/paulbaribeau) aus Michigan, dem dynamischsten Songwriter des laufenden Jahrhunderts. Seine Scheiben sind in Europa noch schwer zu bekommen. Mit ein Grund für Elsa und mich, demnächst Vertrieb und Label zu gründen. So watch out… Wer jetzt schon Musik von ihm haben möchte, meldet sich bitte bei mir.

Anderer, schlichter Tip: Soja-Kaffee Latte- überall in University City

 

 

Philadelphia, Mekons im World Café Live, 2.10.07

30th,Walnut Street 25. Es ist das kälteste Indoor-Konzert, dass ich je gesehen habe. Der legendäre Jon Langford hüpft ausgelassen umher und wehrt sich so gegen das Motto des Abends “A quiet night in with the Mekons”. Überhaupt musizieren alle sieben Bandmitglieder so beschwingt auf ihren Stühlen, als wären sie nur fahrlässig fest geleimt.

Wieso also Kälte? Die unsagbare Oktoberschwüle Philadelphias wird nie von Donner und  Blitz, sondern nur von allgegenwärtigen Klimaanlagen gebrochen. Es dauert noch immer an, mich daran zu gewöhnen, während des Dinners stets gegen den Erfrierungstod zu kämpfen. Gutes Gewöhnungstraining bieten Busse, Trolleys (sowas wie Straßenbahnen) und U-Bahnen, die man aus den Berliner und Londoner Sommern nur als unentrinnbare Hitzefallen kennt. Denn denkt man daran, wie in Berlin die kochenden S-Bahn-Wagen den allgemeinen Aggressionsgrad steigern und in London Aktentaschenmenschen wie die Fliegen umfallen, dann sind öffentliche Verkehrsmittel in Philly ein kühlendes Wunder.

Je weiter sich die 1977 in Leeds gegründeten, stets selbst- und szenereflexiven Mekons an diesem Abend durch ihr Set spielen, desto kühler scheint das bestuhlte World Café zu werden, umgekehrt zu einem tiefrührigen Freakwater-Konzert, dass ich im vorletzten Winter mit Rolf Schulze im Berliner Café Zapata sah. Während es damals draußen mit 26 Grad minus zur kältesten Nacht des Jahres avancierte, wurde drinnen einladend geheizt, untermalt durch Flammen spuckende Blechmonster, die der Barmann nach fast jedem Song per Knopfdruck betätigte. Das Zapata wurde in dieser geisterhaften Kältenacht zur einzigen Licht- und Wärmetankstelle mitten in Berlin.

Den in Chicago lebenden Jon Langford interessiert es in Philly nicht, als ihm einer zuruft: „I really like you, Jon. But you’re a shitty dancer“, denn er will, dass ihm warm wird. Und das kombiniert er gleich mit einer Parodie auf übermäßig hampelnde Frontmänner, wie er mir später erzählt. Aber das wollen die stehenden Altfans im Gang nicht kapieren. Ein guter Hinweis darauf, das Altfans nicht immer etwas zu sagen haben, wenn sie ihr Gegenüber pseudo-überlegen belächeln, nur weil sie die Mekons schon 1982 gesehen haben.

Die Mekons spielen nicht nur gegen die Kälte, sondern auch für Freigetränke. Es ist peinlich für das etwas klinisch gestylte World Café, als Sally Timms auf der Bühne einen Marguerita bestellt und droht, sofort auf der Bühne zu bezahlen.

 

Ihre Nichthits, die ich als Junge nur kopiert von einem Freund auf Tape hatte, lassen sich nach dem Konzert an einem beeindruckenden Merchandise-Stand zusammen stellen. Der wirkt weniger wie ein Verkaufsinstrument, als eine Ausstellung des ständigen Transformationsprozesses einer punk- und countryesken Bigband zwischen Europa und USA. Herausragend der schwer zu kriegende, kommentierte Werkband „Nashville Radio“ des Alternative-Country-Agitators Jon Langford, der seine zumeist acryl- und filzstiftbearbeiteten Re-Prints und Re-Paintings von klassischen Country- und Roots-Musik-Motiven bei Yarddog anbietet.

Abwechselnd steht immer ein anderer Mekon auf, um am Mikrofon zu singen oder zu spielen. So einfach lässt sich die Rolle des „Bandleaders“ dekonsturieren. Die countryesken Töne kommen eher von der Geige, die heute nicht von Susie Honeyman gespielt wird, die auch mit meiner Elsa bei Little Sparta spielt. Akordeon, Mundharmonika, Vibes – oft wird gemeinsam gesungen. Latent schwingt immer ein fast schon irish-folkiger Untersound mit, den ich so bei den eh nie stehen gebliebenen Mekons noch nie gehört habe. Und selbst wenn die Mekons in ihren Texten vom schleichenden Verlust von Natürlichem singen und das Publikum ins Düstere wandern lassen, kommt es weder esoterisch noch hippiesk daher, sondern dialektisch. Denn die zwanglos dazu gemischten Reggae- und Dub-Einflüsse liefern sogleich die Kurve in Richtung Galgenhumor und Selbstverarsche.

So wie damals Freakwater in der Kälte von Berlin den durch unzählige Cover-Versionen schon an die Dummheit verloren geglaubten Song „Ring of Fire“ im rootig Carter-Family-Stil anstimmten, und ihm so seine Würde zurück gaben, führten die Mekons ihr Publikum im World Café Live zu einem Cover von John Anderson‘s Countrycharts-Hit von 1982, „Wild and blue , der Elsa und mir im unbekannten Philadelphia erstmals das wohlige Gefühl des Vertrauten gab. 

“In somebody’s room on the far side of town

With your mind all made up and the shades all pulled down

Someone is trying to satisfy you

He don’t know you’re wild and you’re blue.”

Und die Klimaanlage rattert schon beinahe im Takt dazu.

 

Tipp: Das erste Album der Mekons seit fünf Jahren: Natural (erschienen 2007 bei Quarterstick) 

und Freakwater: Thinking of you (2005).

 

 

Philadelphia, 1.10.07

Wie sehr man in Europa trotz Augen auf mit europäisch-antiamerikanischer Brille ausgestattet ist, wird mir heute klar. Während einer Wanderung durch die mehrstöckige wie mehrere Straßen unterlaufende Shopping Mall The Gallery und den Reading Terminal Market sehe ich nur noch überfette Amerikaner, die übergroße Portionen Fleischbrocken und Süßdrinks in sich verstecken. Die Krönung: Der eine kauft sich bei Kentucky Fried Chicken 12 Chicken Wings, serviert in einem Eimer. Als er den noch nicht ganz leer gegessen hat, stopft ihm eine umher irrende Hostess ein Stück Hühnchen chinesisch zum Testen in den Mund. Kurzerhand lässt er seinen Eimer zurück, um zum Chinesen gegenüber zu wetzen. Dort kauft er sich einen Haufen von dem, das er gerade zu schmecken bekam, um es nach dem Zahlen an der Kasse zu vergessen. Und dann muss man sich ganz schnell ermahnen, nicht ins platte Michael-Moore-Schema zu verfallen.

 

Ich habe mir fest vorgenommen, dass dies das einzige mal ist, etwas über die nahezu überall und massenweise umher stampfenden Dick-Philadelphianer zu schreiben. Das wird schwierig, wenn es einem überall vor Augen geführt wird: Kleine Saft-Fläschchen gibt’s nicht, der kleine Kaffee wäre in Europa der Große, die Portionen scheinen ohne Preisaufschlag beliebig vergrößerbar, wenn man beim Japaner noch um etwas mehr davon und hiervon bittet, die Eingänge im Supermarkt sind breiter, damit die Bolzen da durchpassen, everything’s king sized. everything?

 

Tipp: Basic-4-Veg im Reading Terminal Market verkauft das berühmte Philly Cheese Steak Sandwich in vegan, dazu einen hervorragenden veganen Pumpkin Pie oder Cheesecake. Das Cheese Steak Sandwich ist eine Art Döner Kebab im Baguette. Oma Geschäftsgründerin aus der Black Community steht seit 20 Jahren höchstpersönlich hinterm Basic-4-Stand, schaut ihrem Sohn Zitronen schneidend beim Schwitzen am Bratblech zu und ist zu seinem Ärger immer für ein Schwätzchen zu haben.

 

 

Philadelphia, Chamounix Mansion Hostel, 30.9.07 (nachts)

Nach den Baseballgedanken gehts dann zu einem Hostel im Fairmount Park, 23 Dollar die Nacht inklusive Steuern.

Es wird langsam dunkel und der Bus entführt uns raus aus Downtown. Kurz ist das Kunstmuseum zu sehen, wo ich demnächst wie blöde die Stufen aus den Rocky-Filmen hoch rennen will. Aber das interessiert den Busfahrer nicht. Er bringt uns ganz weit raus, wo kaum noch Laternenlicht brennt.

Jemand zeigt uns den endlosen Weg über eine Landstraße. Es wird immer dunkler und wir müssen einen Aufgang hoch zum Fußweg durch den Wald, um nicht beim Gepäck tragen von einem Auto übersehen zu werden. Zum ersten Mal kommen Ängste wieder hoch, die vor der Flucht in die USA meinen Kischeekopf marterten. 

Und dann, ganz weit vorn: zwei leuchtende Tieraugen, die wohl einem größeren Vierbeiner gehören. Rehe soll es hier nicht geben, Wölfe doch wohl auch nicht. Für einen Fuchs einwandfrei zu groß. Die Augen kommen langsam näher.

Ich greife neben mich und finde einen morschen Ast. Das Gepäck abgestellt, schreite ich entschlossen dem Monster entgegen. Als es mit seinen Zähnen nach mir greifen will, halte ich ihm den Ast ins Maul.

Es ist ein ausgehungerter Wolfshund, der tief entschlossen scheint, ein Stück von mir fressen zu wollen. Ihm zu erklären, dass ich Veganer bin und mich doch für Streuner wie ihn einsetze, hätte ihn sicher nicht interessiert. Mit jedem Haps wird der Ast in meiner Hand kürzer, mein Adrenalinspiegel höher. Was tun? auf einen Baum klettern und auf den Hungertod des Tieres warten?

Geistesabwesend griff ich in meine Jackentaschen und fand einen Rest Bagel. Ich hielt ihn dem Viech nur scheinbar furchtlos unter die Nase und warf ihn so weit wie möglich in den Wald. Das Biest nahm seine letzten Kräfte beisammen und humpelte mitleidsbedürftig hinterher. Und es ward nie mehr gesehen. Ein veganer Bagel hatte mich gerettet.

 

 

Philadelphia, 11th/Market Street, 30.9.07

Auf der Straße sprechen mich wahllos Leute an: „The Phillies made it!“ - Das hiesige Baseball-Team hat mit einem 6:1 den Einzug in die Play-Offs der Major League Baseball geschafft.

Und ein Erinnerungsstrahl rast durch meinen Körper. Wie konnte ich das nur vergessen: Direkt nach dem Abitur, Schloßpark Herten. Dort  spielte ich einen Frühling und einen Sommer lang so etwas wie Baseball.

 

Naivität war Herr der Lage. Wir hatten den ersten Film rund um die Cleveland Indians gesehen- und Baseball wurde DAS Ding. Tom Berenger spielt den alternden, knieverschmerzten Fänger Jake, Charlie Sheen den Edelpunk-Werfer Ricky „Wild Thing“

 , Wesley Snipes den hibbeligen Läufer Willy Mays Hayes und ein mir danach nie wieder aufgefallener Dennis Haysbert den Schlagmann Pedro, der seinen Baseball-Schläger mit Voodoo impft. 

Zusammen bilden sie die Basis eines miesen Teams, das ungeahnte Kräfte freisetzt, als es erfährt, dass die Präsidentin den Klub herunter wirtschaften und nach Florida verkaufen will. Die Präsidentin, die keine Ahnung von Baseball hat (sic!), hatte sie als nichts ahnende Loser angeheuert, um die Indians sicher ans Tabellenende zu manövrieren. Da sind sie dann in ihrer Ehre gekränkt (sic!). Cleveland Indians ist berechnend überladen mit Baseball-Klischees und Kuriositäten. Wie peinlich wirkt der Film, wenn man ihn sich heute noch einmal anschaut.

 

Vielleicht kennt ihr das. Vor dem Videothek-Regal schwärmt ihr eurer Freundin oder eurem Freund vor, wie wichtig dieser oder jene Film für euch dann und wann gewesen ist. Und zuhause vor der Kiste seid ihr dann zutiefst beschämt, zumindest aber enttäuscht. Und ihr versteht, dass die Verklärung mehr ein Platzhalter für eure Jugend ist, die sich irgendwann unbemerkt verabschiedet hat.

 

Zur Verklärung meiner Baseballkarriere gibt es Folgendes zu sagen. Im Schloßpark nannten wir unser Mixed-Team die Herten Flintstones und bauschten uns mit unserem Kindergartenwissen über Baseball auf. Wir schauten nächtelang Live-Übertragungen aus den USA, die damals noch im DSF zu sehen waren.

Im Schloßpark fühlten wir uns den Parkfußballern weit voraus. Wir fühlten uns wichtig, wenn Sonntagswanderer stehen blieben und sich fragten, was wir paar Bekloppte da so im Dreieck herum rennen. Tatsächlich war unser Spiel erbärmlich. Wenn jenseits der vielen Fehlwürfe und Base-Stealing überhaupt ein Spiel zustande kam.

 

Nun stehe ich in Philadelphia, 12th/Ecke Market Street und denke mit Wehmut an diese großartige Baseball-Zeit zurück. Es ging eben nicht um sportlichen Erfolg, sondern um das Spiel und die gemeinsame Entdeckung eines neuen Systems.

Und Erfolgserlebnisse gab es doch auch: Das geniale Gefühl, schon beim Aufschlag des Balles zu wissen, dass er verdammt weit fliegen wird und ihn dann dementsprechend fliegen zu sehen, war dutzendfach schöner als ein Fallrückziehertor im Fußball zu erzielen.

Es war die Zeit der Verletzungen. Erst warf mich eine Leistenverletzung fast ein ganzes Jahr aus dem Fußball-Vereinsbetrieb bei der Spvgg. Herten. Angefixt vom Baseball fing ich ständig zu früh an und die kurzen Sprints zu den Bases warfen mich dann wieder um Wochen zurück. Dann kugelte ich mir bei einem Fußballspiel gegen keinen geringeren Gegner als Westfalia Scherlebeck die Schulter aus. Es dauerte fast fünf Jahre, bis ich Kindern auf der Straße im Winter wieder auf einen Schneeball antworten konnte, ohne dass sie mich auslachten.

 

Das verletzungsbedingte Ende meiner Baseball-Zeit tat mehr weh, als das Ende meiner viel prägenderen Fußballzeit. Die Gewissheit, nicht mehr von der Homebase druckvoll genug zur zweiten Base werfen zu können,  brach mir sowas wie das Sportlerherz. Seit dem ersten Schulterunfall habe ich nie wieder einen Ball zur zweiten Base geworfen. Und ich traue mich bis heute nicht, es zu versuchen.

Nach meiner Verletzung lösten sich die Flintstones auf, teilweise weil Uni und Ausbildung uns voneinander wegrissen, teilweise weil ich eben derjenige war, der immer alle zusammen telefoniert hatte.

Was hätte ich zu meiner Baseball-Zeit gegeben, um ein Major League-Spiel in den Staaten zu sehen. Es wäre nicht möglich gewesen, dass die Phillies ohne mein Wissen ein Spiel gewinnen, während ich in Philadelphia bin.

Im nächsten Café logge ich mich ein, um an der Verlosung für Endrunden-Karten teilzunehmen. Diesmal werde ich nicht den Indians die Daumen drücken, sondern den Phillies. Und wenn ich wieder in Berlin bin, werde ich vielleicht sogar mal wieder einen Ball werfen.

 

 

Philadelphia, Econolodge, 30.9.07 (morgens)

Beim Warten auf die Dusche bleibt etwas Zeit für amerikanisches Fernsehen. Ich spekuliere auf den Countrymusik-Kanal. Doch das erste, was nach Einschalten läuft, ist das WM-Finale der Fußball-Frauen, Brasilien –

 Deutschland. ein nicht gegebenes Foul gegen Martha, verursacht von einer Deutschen ist das erste, was ich im amerikanischen TV sehe. Das erinnert an “Die WM kommt, Fefczak geht”, als ich vor der WM 2006 auf eine einsame Insel flüchtete. Trotz ganz weit weg holte mich der Fußball ein, so auch hier.

Aber Fußball im USA-TV ist viel aufregender. Die Kommentatoren sind enthusiastischer und man spürt gleichsam die analytische Genealogie der Football- und Baseball-Sportberichterstattung. Die Aussagen wirken präziser, hintergründiger. Zum ersten Mal seit mehreren Jahren bin ich sauer, dass ich ein Fußballspiel am TV-Gerät verlassen muss. Es gibt Frühstück nebenan, mit Blaubeer-Donuts und fluffigen Crumpets. 

 

 

Philadelphia, International Airport, 29.9.07

Jetzt stehe ich tatsächlich hier und lese die riesengroß an die Wand genagelten Zeilen, dass alle Menschen gleich sind. Was hatten Elsa und ich uns verrückt gemacht. Die Zeit vor dem Abflug war geprägt von der Frage, welche Schwierigkeiten man uns machen wird, weil wir keine feste Adresse in den Staaten angeben können. Am Schalter in Heathrow gaben wir hausnummerlos eine Avenue an, in der wir morgen eine Wohnung anschauen. Das reichte.

Im Flieger zwischen Spiderman 3, Silver Surfer und zum Ausgleich Geliebte Jane (Austen) im Sitzfernsehen vergaben wir eine Stunde auf die Diskussion, wie lange man uns in Philadelphia am Flughafen wohl befragen wird, bevor man uns endlich rein lässt. Und was war dann –

 gar nichts. Fingerabdrücke in den Blechkasten – schlimm genug – und sie winkten uns durch. Das kann doch nicht so einfach sein.

 Schlafen am Flughafen schien ein wenig scary. Nicht, weil wir Angst hatten, man würde uns vertreiben. Ganz im Gegenteil überwog, dass die smalltalkbewaffneten Polizisten und Infotischsitzer uns vor lauter Gesprächsbedarf nicht Schlafen ließen.

Ein Shuttle brachte uns zur Econolodge, ein klassisches Massenmotel im Nichts der Flughafennähe, völlig überteuert, was ein Rip-off. Auch in diesem flach gehaltenen Betondorf keine Klischee-Erfüllung. Auf den viel zu hohen Betten schliefen wir mit etwas Ghettoblasterei und skurrilen Lichtern durch den zugezogenen Vorhang ein und schliefen uns Europa aus dem Leib.