Erläuterungen zu meinem Interview im ZDF-Morgenmagazin am 12.11.2013

Erläuterungen zu meinem Interview im ZDF-Morgenmagazin am 12.11.2013

Ich bedaure, dass meine Aussagen im ZDF-Morgenmagazin zu Irritationen bzw. Missverständnissen geführt haben. Es war und ist nicht in meinem Interesse, Braunschweig als Fußball- und Fanstandort zu diskreditieren. In meinem Beispiel zum Nahebringen gegenwärtiger wissenschaftlicher Erkenntnisse war es in dieser Hinsicht unvorsichtig und auch unnötig, Braunschweig als Beispiel für derzeit grundlegende Forschungserkenntnisse herauszustellen. Mir ist allerdings auch Dank einiger kritischer Reaktionen bewusst geworden, dass die wissenschaftliche Grundlage meiner Einschätzungen im Rahmen eines kurzen TV-Interview-Beitrages nur verkürzt dargestellt werden kann, was zu den Irritationen beigetragen haben dürfte.

Zunächst ist es wichtig, dass ZDF-Interview in Gänze einzubeziehen, wenn es um die Beurteilung einer einzelnen Aussage darin geht. Gleich zu Beginn sage ich, dass ich im Hinblick auf Menschen im Stadion befinde: „Es gibt keine Unterwanderung in dem Sinne“ – und dass es sich um ein „Gemisch“ von Menschen handelt. Das ist entscheidend, um die weiteren Ausführungen des Interviews einzuordnen. In diesem Zusammenhang ist es mir außerordentlich wichtig, dass ich danach – und auch im Kontext Braunschweig – deutlich sage, dass es sich hier NICHT um Neonazis handelt.

Im Interview mit dem ZDF-Morgenmagazin spreche ich von sog. „alten Werten“ im Hinblick auf Fanszenen. Diese erläutere ich weiter und erwähne z.B. althergebrachte Männlichkeit und einige ihrer z.T. fanszenetypischen Ausprägungen. Wenn ich hier von einer solchen Männlichkeit rede, stütze ich mich insbesondere auf das Konzept der hegemonialen Männlichkeit von Robert W. Connell. Was fanszenetypische Ausprägungen angeht, stütze ich mich auf die gängige Fachliteratur zu Fan- bzw. Zuschauerkulturen sowie meine eigene Forschung.
Im Kontext „alter Werte“ nenne ich weitere Beispiele, beispielsweise „Überlegenheitsdenken“, „soldatisches Kämpferideal“ und „Körperfokussierung“. Wäre mehr Zeit gewesen, hätte ich z.B. noch eine auf unterschiedlichen Niveaus stattfindende, aggressive Auslegung der sozialen Konstruktion „Wir“ – „Die Anderen“ erwähnt, ebenso wie territoriumsorientierte Fokussierungen, Autoritarismus, Antiintellektualismus und „Resistance Identity“ (John M. Hagedorn).

Nicht nur auf diese Aussagen im o.g. Interview und die dahinter stehende wissenschaftliche Forschung beziehe ich mich, sondern insbesondere auf die „Ideologie der Ungleichwertigkeit“ und die dazu gehörigen Syndrome Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit (GMF) nach Prof. Wilhelm Heitmeyer und seinem Team vom Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung (IKG) an der Universität Bielefeld. Das IKG weist in seiner zehnjährigen, hoch anerkannten, quantitativen Studie nach, inwiefern GMF sich in weiten Teilen der Bevölkerung festsetzt. Diese Forschung ist eine Grundlage für meine wissenschaftliche Einschätzung – auch in Bezug auf die von mir als grobe Schätzung intendierte Zahl von 3000 Personen.

Wenn ich also im Interview deutlich sage, es handelt sich bei der genannten Masse NICHT um Neonazis, sondern um Leute, „die auch Partikel haben von einem solchen Denken“, dann beziehe ich mich auf die von mir angeführten „alten Werte“, auf den Begriff der GMF des IKG, zusätzlich auf die – populärwissenschaftlich betrachtet – in vergleichbare Richtungen weisenden Arbeiten von Prof. Dr. Elmar Brähler, Dr. Oliver Decker, Prof. Dr. Richard Stöß, des Duisburger Instituts für Sprach- und Sozialforschung (DISS) sowie u.a. auch von Prof. Dr. Albert Scherr, Prof. Dr. Paul Mecheril, Prof. Dr. Maureen Maisha Eggers und Dr. Mark Terkessidis.
Ich rede hier von Einstellungspartikeln in vielen Menschen, die in bestimmter Konsistenz an bestimmten Orten, z.B. auch im Fußball, temporär und situativ handlungsleitend werden können. Und das sind dann, wie ich eben auch sagte, keine Neonazis – auch wenn hier und da einzelne Neonazis und ihre Sympathisierenden beteiligt sind bzw. sein können.

Ich meine also Einstellungspartikel, die allerdings Neonazis in solchen situativen und temporären Sachlagen die Möglichkeit zur Anschlussfähigkeit bietet.
Den Ort Fanszene sehe ich hier als einen ständigen Kontakthof zur Aushandlung und zum situativen Patchworking solcher Einstellungspartikel, die sich im Hinblick auf bestimmte Ereignisse oder Gruppen eben auffällig auswirken können.

Nach meinen derzeitigen Erkenntnissen wurde am Standort Braunschweig indirekt auch auf die Präsenz solcher – nicht allein in und um Braunschweig vorhandenen – Phänomene z.B. durch die Gruppe Ultras Braunschweig 01 (UB01) hingewiesen. Dies wurde von vielen anderen Fans offenbar als Provokation empfunden und trug bei einigen wenigen letztlich zu Bedrohungen und einer gewaltförmigen Eskalation des Konfliktes in Mönchengladbach bei.
Bei allen Fehlern, die ich im vergangenen Verhalten bei UB01 durchaus erkenne, und die im Hintergrund den Konflikt mitgeprägt haben, vertrete ich die Ansicht, dass bei diesem Vorgang die Position der UB01 als Benenner des Einflusses solcher Einstellungspartikel in der Braunschweiger Fanszene und die Ablehnung dieses Vorgehens eine zentrale Rolle gespielt hat. Da genau diese Aushandlung von Einstellungspartikeln im Zusammenhang mit Drohkulissen und tätlichen Angriffen das Thema des ZDF-Interviews war, habe ich darauf Bezug genommen, wobei bei die möglichen parallelen Konfliktlinien zwischen UB01 und anderen Teilen der Fanszene im Interview unberücksichtigt gelassen wurden.
Wenn ich dann im Interview sage, es sei „einfacher“ gewesen, eine kleine Gruppe als solche auszuschließen, dann nachvollziehe ich insofern aus sicherheitspolitischer Sicht auch den Schritt des Vereins, den UB01 ein Auftrittsverbot zu erteilen.

Ich möchte noch einmal deutlich unterstreichen: Ich redete im Kontext solcher Aushandlungen von „PARTIKELN“, und möchte darum an dieser Stelle auf die Bedeutung dieses Wortes hinweisen: „Partikel“ meint Teilchen, kleine Teilchen, wie es der Duden sagt. Es ließe sich auch das Wort Spurenelemente verwenden. Ich bin überzeugt davon, dass es unglücklich war, im Kontext Braunschweig diesbezüglich eine Zahl zu nennen, bewege mich dabei aber wissenschaftlich auf sicherem Boden, wenn man z.B. die Ergebnisse der Forschung zu GMF betrachtet.

Partikel, also minimale Teilchen von Einstellungsmustern, die im extremen Falle am Ende bei einigen sehr wenigen Menschen ideologisch oder jugend(sub)kulturell in Neonazismus kulminieren können, trage ich, dem ZDF-Interview und meinen o.g. Erläuterungen folgend, auch selbst in mir. Als jemand, der als weißer, deutscher Mann gilt, weiß ich aufgrund meiner Sozialisation in dieser Gesellschaft, wie Rassismus oder z.B. auch Sexismus in der Praxis „gehen“. Ich trage also ein Wissensarchiv von Diskriminierung in mir, spreche mich nicht davon frei.
So gesehen beginnt der Kampf gegen Diskriminierung und Neonazismus mit dem Kampf gegen die Vorurteile im eigenen Kopf. Es geht mir persönlich darum, Lebenswelten von Menschen nicht nach „rechts“ oder „links“ einzuteilen, sondern die Grauzone dazwischen in vielen, auch in mir selbst zu reflektieren und zu bearbeiten, um dazu beizutragen, dass eine Gesellschaft und eben eine Stadionatmosphäre entstehen kann, in der man ohne Angst verschieden sein kann.
Diese persönliche Selbstbezichtigung dient der Klärung meiner Aussagen im ZDF-Morgenmagazin und – das hoffe ich inständig – der Versöhnung hinsichtlich empfundener Irritationen und Missverständnisse.

Ich kenne die positiven, antidiskriminierenden Aktionen in und um die Braunschweiger Fanszene sowie im Verein Eintracht Braunschweig und auch im Kontext des Braunschweiger Fanprojekts. Ich freue mich, dass große Teile sich hier engagieren. Das ist weiterhin ein zu fördernder Aspekt. Auch aus meiner persönlichen Teilnahme an einem freundlichen und gegenseitig informierenden Gespräch u.a. mit Vereinsvertreter*innen von Eintracht Braunschweig im Oktober 2013 sehe ich positiv in die Zukunft, was die Entwicklung des Themenbereichs Antidiskriminierung und die solidarische Unterstützung des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes in seiner gelebten Praxis auch im Fußball angeht.

Und außerdem wünsche ich mir, dass Medienvertretungen häufiger einladen, wenn es um die positiven Elemente und Errungenschaften von Fankulturen – eben auch in Braunschweig – geht.

Ich würde mich dementsprechend freuen, zusammen mit meinem KoFaS-Kollegen Jonas Gabler einen Input auf o.g. Basis mit anschließender Diskussion zu Chancen und möglichen Grenzen der Antidiskriminierungsarbeit im Fußball in einem breiten Fankontext in Braunschweig anbieten zu können. Wir kommen gern nach Braunschweig, stellen uns den Fragen und formulieren selbst welche, um gemeinsam mit den Freundinnen und Freunden von Eintracht Braunschweig, mit den Vereinsvertreter*innen auf solidarischem Wege nachhaltige Antworten zu probieren.

In diesem Sinne,

Gerd Dembowski

Berlin, 17.11.2013

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